World Destruction

Weltuntergangsszenarien finden sich in der japanischen Popkultur wie Sand am Meer. Auch Szenario-Autor KATŌ Masato hat mit Chrono Trigger und dessen Nachfolger Chrono Cross bereits solche Stoffe verarbeitet. Das Besondere an seinem neuen Werk World Destruction für den DS ist, dass hier die Helden selbst den Weltuntergang herbeiführen wollen. Entwickler dieses RPGs sind imageepoch, vertrieben wird es von Sega. Der Soundtrack wurde größtenteils von KATŌs Weggefährten MITSUDA Yasunori komponiert.

Held Kyrie hat die Fähigkeit, die Welt zu zerstören. Das prädestiniert ihn dazu, Mitglied im Komitee zur Zerstörung der Welt zu werden. Dessen bisher einziges Mitglied Morte hat sich diese schon lange zum Ziel gesetzt. Aber will Kyrie die Welt überhaupt zerstören? Er kennt sich in der Welt nicht besonders aus und weiß nicht, dass die herrschende Klasse der Tiermenschen die Menschheit unterdrückt, ausbeutet, zu Tode schindet. Bis zum Ende seiner Reise, an deren Ende er die Welt zerstören soll, schließen sich dem Komitee noch vier weitere Mitglieder an.

Drei der maximal sechs Party-Mitglieder nehmen gleichzeitig an den Kämpfen teil und erhalten am Ende sogenannte Custom-Punkte. Erfahrungspunkte erhalten auch die nicht aktiven Figuren, aber weniger als die Kampfbeteiligten. Mit den Custom-Punkten lassen sich einzelne Techniken der Figuren verbessern. Dabei stehen meistens zwei Attribute zur Auswahl. Verbessert man das eine, verschlechtert sich im Gegenzug das andere. Man kann also ausgewogen beide Attribute abwechselnd steigern oder eines auf Kosten des anderen. Auch werden zusätzliche Techniken freigeschaltet, wenn man die vorhandenen bis zu einem gewissen Grad aufgerüstet hat.

Jede Figur kann, wenn sie am Zug ist, je nach Anzahl der BP (Battle Points) mehrere Aktionen in Folge ausführen. Im Normalfall hat eine Figur zwei davon, aber je nach Situation können daraus einer oder drei werden. Auch lassen sich die BP während eines Zuges weiter vermehren, wenn kritische Treffer oder ein Spezialeffekt erzielt werden, oder mehr als zehn Treffer am Stück gelandet werden. Maximal kann eine Figur 6 BP akkumulieren. Wird diese Zahl an BP erreicht, endet der Zug. Abschließend kann die Figur wahlweise ihre (besonders mächtige) Spezialtechnik oder einen von zwei Trümpfen einsetzen. Um den maximalen Schaden der Spezialtechnik, die alle Gegner trifft, zu erzielen, muss der Spieler in kurzer Zeit fünf vorgegebene Knöpfe in der richtigen Reihenfolge drücken.

Auswählbare Aktionen beinhalten zwei grundlegende Angriffstechniken: Blow und Rush. Blow-Angriffe treffen nur einmal, können den Gegner aber in die Luft befördern, bewusstlos werden lassen o. ä. Diese Effekte werden zufällig ausgelöst und eröffnen im Falle ihres Eintretens die Chance, mit besonderen Techniken nachzulegen. Rush-Angriffe bestehen aus mehreren schwachen Angriffen in Serie, sie eignen sich für lange Kombos. Jede Figur hat je vier Blow- und vier Rush-Angriffe, je drei davon am Boden und einen in der Luft. Die Bodenangriffe werden sukzessive ausgeführt und nehmen in der Regel an Effektivität und Trefferzahl zu. Es besteht auch die Möglichkeit, durch Customieren Rush-Angriffe miteinander zu verbinden, so dass mit einem BP zwei bis drei Rush-Angriffe auf einmal ausgeführt werden. Das ist der Schlüssel zu langen Kombos, die einen Custom-Punkte-Bonus mit sich bringen.

Mit Blow- und Rush-Angriffen kann pro Zug bloß ein Gegner angegriffen werden. Wird dieser besiegt, endet der Zug. Der Zug endet ebenfalls, wenn die Defensivstellung oder ein Item ausgewählt wird. Neben den normalen Angriffen gibt es auch noch die Fähigkeiten, je vier defensive und vier offensive. Die defensiven Fähigkeiten reichen von Heilen über Wiederbeleben bis zu Steigern von Attributen. Diese wirken meist auf alle Partymitglieder. Jede Figur hat mindestens eine Heiltechnik. Die offensiven Techniken beinhalten Elementarmagien und Statusangriffe und sind je nach Schwachpunkt oder Immunität der Gegner unterschiedlich effektiv. Sie wirken ebenfalls auf alle Gegner.

Die Steuerung ist betont simpel gehalten und kommt weitgehend ohne lange Menülisten aus. Mit X führt man einen Blow-Angriff aus, mit Y einen Rush-Angriff und mit B verteidigt man. Mit A schaltet man auf die Fähigkeiten und Items um. X wählt dann offensive Fähigkeiten, Y defensive und A Items (dies ruft die einzige längere Menüliste auf). Die jeweiligen Fähigkeiten werden in der folgenden Auswahl mit X, Y und A ausgewählt, mit B kehrt man zur vorhergehenden Auswahl zurück. Die jeweils vierte und mächtigste Fähigkeit, der Trumpf, ersetzt alle Fähigkeiten, wenn 6 BP akkumuliert wurden. Und Blow und Rush werden in diesem Fall durch die Spezialtechnik ersetzt.

Das Spiel nutzt weder den Touchpen noch das Mikrofon des DS. Der zweite Bildschirm wird zur Darstellung von Karten der Umgebung genutzt. In Kämpfen werden auf dem oberen Bildschirm die fliegenden Gegner und dem unteren die am Boden angezeigt. Die Gegner können grundsätzlich all das, was die Helden auch können, einschließlich Kombos und Spezialtechniken. Die Encounter-Rate ist hoch, aber die Kämpfe kurz. Sie nerven nicht. Leider sind sie auch nicht besonders strategisch und Spiel als eher leicht einzustufen. Hat eine Figur einen ausreichend hohen Level, nimmt sie durch normale Gegner fast keinen Schaden. Hat eine Figur aber länger nicht am Kampf teilgenommen und daher weniger Erfahrungspunkte erhalten, nimmt sie zu viel Schaden, und es fällt schwer, sie am Leben zu erhalten. Wechselt man die Figuren regelmäßig aus, sollte dieser Fall aber gar nicht erst eintreten. Lediglich die Rätsel in den Dungeons sind etwas schwieriger und fordernd.

Das Spiel lehnt sich an die Ästhetik alter Playstation-Spiele an. Die für diese Konsole charakteristischen Renderfilme sind aber spärlich gesäht und ziemlich kurz. Der längste ist das mit einem JPop-Song untermalte Opening. Stattdessen investiert das Spiel seinen Speicherplatz in reichlich Sprachausgabe, die alle wichtigen Zwischensequenzen begleitet. Manche der charakteristischen Äußerungen, die die Figuren im Laufe des Spiels von sich geben, kann man sie auch in den Kämpfen sprechen lassen. Pro Figur kann man bis zu vier Sprüche gleichzeitig für die Kämpfe auswählen. Diese haben verschiedene Effekte, z. B. können sie am Anfang des Kampfes die BP erhöhen oder die Figuren ein wenig heilen. Auch wenn eine Figur angegriffen wird, können sie ausgesprochen werden und erhöhen dann beispielsweise Defensive, Angriffskraft oder Geschwindigkeit. Diese Effekte werden zufällig ausgelöst.

Auch wenn die Story als durchaus originell einzustufen ist, kommen doch die selben Themen und Motive vor wie in KATŌs früheren Spielen, neben Weltuntergang z. B. auch das des Schicksals. Im Gegensatz zu Chrono Cross ist WD sehr viel kürzer und verzettelt sich nicht in einer überkomplizierten Narrative. CC war überaus ambitioniert, schaffte es aber nicht, in der Standard-RPG-Spielzeit von 40-50 Stunden seine Geschichte bis zum Ende dramaturgisch angemessen umzusetzen. Am Ende gab es viel erklärenden Monolog, der eher unelegant daherkam. WD ist mit seinen 20-30 Stunden sehr viel überschaubarer und gelungener.

Bleibt die Frage, warum überhaupt ein RPG, in dem die Helden die Welt zerstören? Wie schon erwähnt, gibt es in der japanischen Popkultur reichlich Weltuntergangsszenarien. Ein wichtiger Grund dafür mag sein, dass Japan bis heute das Trauma des Abwurfs der Atombomben über Hiroshima und Nagasaki verdaut. Besonders deutlich wird das in Shin Megami Tensei. Aber Susan J. Napier bietet in ihrem Buch Anime from Akira to Howl’s Moving Castle auf Seite 254 einen weiteren Erklärungsansatz an:

[...] In fact, appropriate to the basic ideology of apocalypse, most works, even the apparently nihilistic Akira, include such elements as an explicit or implicit warning as to why this society should be encountering such a fate.[...]

Dies trifft definitv auf WD zu. Laut Morte ist der Welt nicht mehr zu helfen und sie verdient es, zerstört zu werden. Und auch wenn das Szenario des Spiels weit vom Alltag des Spielers losgelöst sein mag, verspürt er vielleicht einen ähnlichen Eindruck von Ungerechtigkeit in der Welt und den Willen zum Neuanfang, einem Reset, wie es in WD heißt. Wie man diesen am Besten realisiert, ist das Thema von WD.

Link: Portal zu den verschiedenen offiziellen World Destruction Homepages (japanisch).

Ähnliche Artikel:

  1. Elektronische Literatur: Die Träume anderer spielen
  2. Song Wars: Kultur als „Waffe“
  3. Last Ranker: Das „Street Fighter“-RPG
  4. Himmelskörper im elektronischen Bildungsroman, Teil 1: Unser Stern und seine Geschichte
  5. Himmelskörper im elektronischen Bildungsroman, Teil 2: Satelliten und ihre Potentiale
Stichworte: , , , ,
Autor:

Einen Kommentar abgeben

:wink: :twisted: :roll: :oops: :mrgreen: :lol: :idea: :evil: :cry: :arrow: :?: :-| :-x :-o :-P :-D :-? :) :( :!: 8-O 8) (devil) (angel)

*