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Densha Otoko / Train Man

Densha Otoko ist ein japanischer Blockbuster aus dem Jahr 2005 und erzählt die „wahre Liebesgeschichte“ einer schönen Frau und eines . Dieser ist 22 Jahre alt, hatte sein ganzes Leben noch keine Freundin, ist Anime und Videospiele-Otaku und verbringt viel seiner Zeit im Tokioter Elektronikviertel Akihabara. Eines Tages hilft er, halb aus Zivilcourage, halb zufällig, einer jungen Frau, die im Zug von einem betrunkenen Mann mittleren Alters belästigt wird. Nachdem sie gemeinsam bei der Polizei ihre Zeugenaussagen abgegeben haben, fragt ihn die Frau nach seiner Adresse, weil sie sich bei ihm bedanken will. Wenige Tage später erhält er ein Paket von ihr mit einer hochwertige Tasse der Marke Hermes und ihrer Telefonnummer.

Unser Held ist außerdem ein 2 Channeller, das heißt er schreibt Beiträge auf der größten japanischen Internet-Message-Board-Seite namens 2ch (lies Ni Channel, also auf Deutsch in etwa Kanal 2). Dort berichtet er von seinem Erlebnis im Zug und fragt die „Einwohner“ (jap. „jūmin“, engl. „Regulars“) des Unterboards (oder „Threads“), wo er „postet“, wie er auf das Geschenk reagieren soll. Angespornt von deren Zuspruch fasst er den Mut, sie anzurufen, um sich für das teure Geschenk mit einer Einladung zum Essen zu bedanken. Die Frau, die von den anderen 2 Channellern kurzerhand nach der Marke der geschenkten Tasse „Hermes“ getauft wird, nimmt die Einladung an, und der Otaku, der von da an als „Densha Otoko“ (Train Man) bekannt ist, unterzieht sich beraten von den anderen 2 Channellern einer Generalüberholung, um für das Essen gut auszusehen.

Das besondere an dieser Geschichte ist, dass sie auf tatsächlichen Beiträgen von der 2ch-Seite aus dem Jahr 2004 basiert. Die Threads über seine Erlebnisse wurden zunächst in Buchform gesammelt und danach als Film, TV-Serie und Comics weiter vermarktet, mit immensem Erfolg. Das im Film vorkommende Message-Board wird zwar nie offen als 2ch bezeichnet, doch weisen das Webdesign, die verwendeten Internetausdrücke, die dort ihren Ursprung haben, und die typischen ASCII-Arts offensichtlich auf diese Seite hin. In gewisser Weise kann man Densha Otoko als 2ch – Der Film bezeichnen. Er setzt der Internetsubkultur dieser Seite quasi ein filmisches Denkmal.

Das besondere an 2ch-Boards im Vergleich zu westlichen Internetforen ist, dass sie noch viel anonymer sind als bei uns. Eine Anmeldung ist für das Schreiben von Beiträgen weder erforderlich noch möglich. Verfassernamen sind völlig optional, wer keinen Namen angibt, bekommt je nach Board eine Variante des Wortes „nanashi“ (auf deutsch: ohne Namen, anonym) zugewiesen. Auf dem Board aus dem Film lautet dieser „Mr. Nanashi-san“ (eine beabsichtigte Tautologie). Der Densha Otoko ist auch der einzige, der im Film unter einem festen Namen Beiträge schreibt, die anderen Einwohner sind für ihn nur an ihren Sprachstilen zu unterscheiden, wobei der Zuschauer aber sehen kann, wer welchen Beitrag schreibt. Mit Rat und Tat stehen ihm die drei Militär-Otaku Yoshiga, Tamura und Mutō, der Salaryman Hisashi, die Hausfrau Michiko, der Hikikomori Hirofumi und die Krankenpflegerin Rika zur Seite.

Der Film zeichnet die sich entwickelnde Beziehung von Densha Otoko und Hermes, die Hürden, die er mithilfe seiner 2ch-Freunde meistert (selbst während der Verabredungen liest er ihre Kommentare auf seinem internetfähigem Handy) und den Wandel seines Aussehens, seines Verhaltens und der Art, wie seine Umwelt auf ihn reagiert. Natürlich läuft nicht alles glatt, aber am Ende ist sein Erfolg auch für die anderen 2 Channeller ein Hoffnungsspender, der sie dazu ermutigt, ihr Leben ebenfalls zu ändern.

2ch hatte lange Zeit keinen besonders guten Ruf. Zwar deckt die Seite mit ihren Hunderten von Boards zahlreiche Rubriken wie Nachrichten, Gesellschaft, Beruf, Kultur, Studium, Elektronik, Essen, Alltagsleben, Hobby, Sport, Reisen, TV, Kunst, Glücksspiel, Videospiele, Comics, Musik, Gesundheit, PC, Internet, Erotik, Lokalinfos, uvm. ab und hat dementsprechend viele Nutzer, doch sind die großgeschriebene Anonymität und das resultierende große Maß an Meinungsfreiheit vielen suspekt, und nicht jeder Nutzer gibt gerne zu, dort Beiträge zu verfassen oder auch nur die Seite zu lesen. Der Erfolg von Densha Otoko rückte sowohl 2ch wie auch die Otaku, die die Seite ebenfalls als Informationsplattform nutzen, in ein positiveres Licht und machte sogar das Wort Moe salonfähig, mit dem männliche und weibliche Otaku ihre Gefühle für Comicfiguren ausdrücken.

Otaku lastet das Stigma an, sozial nicht kompetent und im schlimmsten Fall pädophil zu sein. Der Film gesteht soziale Unbeholfenheit zu, räumt aber den Pädophilie-Vorwurf aus. In einer Szene ist ein junges Mädchen im Zug eingenickt und lehnt ihren Kopf an die Schulter des Densha Otokos, was ihm sichtlich unangenehm ist. Er versucht eine am Boden liegende Fahrkarte, die anscheinend dem Mädchen gehört, aufzuheben und ihr zu geben, ohne sie dabei aufzuwecken. Diese Szene spielt auf den ewigen stillen Verdacht an, mit dem sich Otaku konfrontiert sehen, der sich aber nicht bestätigt. Und wie selbstverständlich verwendet einer der Militär-Otaku das Wort Moe, das meist für unbedrohliche kleine Mädchen (oder auch androgyne Jungen) aus Zeichentrickfilmen reserviert ist, um seine Begeisterung für die erwachsene Hermes auszudrücken. Moe wurde daraufhin zu einem regelrechten Modewort und für alle möglichen Dinge benutzt.

Nach seiner japanischen Kinoaufführung am 04.06.2005 wurde der Film auch auf internationalen Festivals wie der 2006 englisch untertitelt gezeigt. Eine japanische DVD kam am 09.12.2005 auf den Markt, die US-Fassung Train Man erschien ein Jahr später am 22.09.2006. Die verschiedenen Densha Otoko-Comics wurden teilweise ebenfalls unter dem Titel Train Man ins Englische und Deutsche übersetzt, ebenso wie das Buch, in dem die originalen Internetbeiträge gesammelt sind.

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