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Spoiler Wars: Kurosawas Kulturexport und die Folgen

Vorsicht: Dieser Artikel spoilert praktisch alles!

Es ist kein Geheimnis, dass George Lucas‘ Star Wars deutliche Anleihen bei KUROSAWA Akiras Samurai-Filmen, speziell Kakushi toride no san’akunin (The Hidden Fortress) von 1958, genommen hat. Ich hatte von dieser Ost-West-Beeinflussung dieses Hollywood-Klassikers schon gelesen, aber als ich Kurosawas Film dann 2003 in einer der wöchentlichen Filmvorführungen der Japan Foundation in Kyōto gesehen habe, waren auch mir die Parallelen augenscheinlich. Die anfangs als Mann getarnte und selbstbewusste/selbständige Prinzessin Yuki erinnerte deutlich an Leia, die beiden Bauern in ihrer Funktion als Comic-Relief-Unterhalter (die in Kurosawas Film aber auch als Avatare für die Normalozuschauer dienen) an die beiden Droiden C-3PO und R2-D2 und der Samurai, der sie mit ihrem Goldschatz über die Grenze bringen soll, natürlich an Han Solo.

Wenn man sich seinen Namen ansieht könnte man Luke (vergleiche Lucas), den Zwillingsbruder von Leia, der in Kurosawas Film keine Entsprechung findet, leicht als eine Art Mary Sue auffassen, d. h. Lucas hat sich in seinem Remake japanischer Samurai-Klassiker selbst als Hauptfigur in der Story untergebracht. Teure Special-Effects-Fanfiction mit japanischem Geschichtstheater als Ausgangsmaterial.

In umgekehrter Richtung, von West nach Ost, oder auch von Amerika in den Rest der Welt, lassen sich solche Beeinflussungen natürlich viel einfacher nachweisen, die meisten Fans kennen die zugrundeliegenden Hollywood-Filme, die dann nachgeahmt werden, aber tatsächlich findet dieser Austausch in alle Richtungen statt. Lukes Beziehung zu seinem bösen Vater Darth Vader wurde dann in Final Fantasy IV als die eines jüngeren Bruders, der Waise Cecil, zu seinem älteren Bruder Golbez, dem Schurken des Spiels, der wie Vader am Ende der Geschichte bekehrt wird, aufbereitet. Beide sind übrigens Halbdrachen, Kinder eines Außerirdischen, was den japanischen Spieler fantastisch reflektiert, auch er ist Kind zweier Kulturen.

Ebenso wie Lucas machte auch „Final Fantasy“-Erfinder SAKAGUCHI Hironobu keinen Hehl aus den Anleihen bei seinem Vorbild, in späteren Teilen nehmen die „Star Wars“-Anspielungen eher noch zu, wie z. B. in den wiederkehrenden Namen von unterschiedlichen Figuren, die in Teil 6 bis 8 auf die Namen Biggs und Wedge hören, zwei der Piloten, die mit Luke in Episode 4 den Angriff auf den Todesstern geflogen waren. In Final Fantasy VI sind das Soldaten des bösen Imperiums, die mit der durch eine Sklavenkrone gefügig gemachten Magierin Tina/Terra einen Angriff auf die Basis der Rebellen, die die Magie zurück in die Welt holen wollen, führen. Also falsche Freunde und eher Schurken. In Teil 7 kämpfen sie als Mitglieder der Ökoterroristengruppierung Avalanche, die gegen das Wirtschaftsimperium der Shinra Company rebelliert, auf der Seite der traditionalistischen Helden, aber auch sie müssen, genau wie ihre Vorgänger aus Teil 6 schnell als entbehrliche Statisten dran glauben. In Teil 8 tauchen sie dann wieder als Schurken auf, diesmal weder erzwungen noch freiwillig auf der Seite der Helden.

Eine der erzählerischen Innovationen von Star Wars, das Beginnen der Erzählung mitten in der Geschichte und eine Nummerierung der Teile, die klar macht, dass es unerzählte Vorgänger gegeben hat, erfreut sich ebenfalls großer Popularität bei Nachahmern. MATSUNO Yasumis Ogre-Serie, der Vorläufer zum Strategie-Ableger von Final Fantasy, Final Fantasy Tactics, startet ebenfalls mit einer fortgeschrittenen Episodennummer und enthält ebenfalls noch viele Lücken. Als er bei Final Fantasy XII schließlich Regie eines Hauptteils führt, treibt er die Anleihen der Serie bei Star Wars, die von SAKAGUCHI begonnen wurden, auf die offensichtliche Spitze. Die wenigsten sind sich aber bewusst, dass diese Anleihen wieder bis auf einen japanischen Regisseur zurückgehen (der allerdings ebenfalls einen sehr westkompatiblen/-beeinflussten Stil hatte).

In Mother 3 wird die auf der Vater-Sohn-Beziehung aus Star Wars beruhende Bruderbeziehung aus Final Fantasy IV von ITOI Shigesato, der in der Mother-Serie den Popkulturaustausch zwischen West und Ost schon vor Final Fantasy IV thematisiert hatte, in der der Zwillingsbrüder Lucas und Claus neu aufbereitet. Der Verlust ihrer Mutter treibt Lucas‘ älteren Bruder Claus in die Hände von Porky, zu dessen bösen General er daraufhin wird. Ähnlich wie Vader wird er am Ende gerettet.

In Professor Layton 3 and the Last Time Travel entpuppt sich das zukünftige Selbst von Laytons jungem Assistenten Luke schließlich als der megalomanische Claus, der mit Sci-Fi-Waffengewalt Rache an Politikern und Wissenschaftlern nehmen will, die das Leben Einzelner gerne für das größere Ziel zu opfern bereit sind und Claus‘ Eltern auf dem Gewissen haben. Man beachte die ähnlichen Namen der Brüder aus Mother 3, Lucas und Claus, und die des jungen Lukes und des älteren Lukes/Claus‘. The Last Time Travel beendet übrigens die erste Triologie der „Professor Layton“-Spiele, der nun eine Triologie von Prequels folgt, ganz wie bei Star Wars.

Die Motive, die sich durch diese Werke der populären Literatur nach George Lucas ziehen: Waisen, die oft keine sind; böse Väter/ältere Brüder, gute und starke Prinzessinnen-/Frauen-/Mutterfiguren; die Warnung/Moral am Ende, dass auch der Held leicht der Schurke hätte werden können und dass gegen Hass niemand gefeit ist.

Es mag manchen beim Lesen bereits aufgefallen sein, aber die beiden Versionen von Square Enix’/Cavias neuem Spiel NIER, Gestalt und Replicant, einmal mit Vater und Tochter, einmal mit älterem Bruder und Schwester, machen in diesem Zusammenhang doch gleich sehr viel mehr Sinn, oder?

Danke an die Community von Gamefaqs, speziell Board 8, die mir zahlreiche Einblicke in die Zusammenhänge zwischen den mannigfaltigen Figuren aus Spielen eröffnet haben. Wenn ich mich recht erinnere, interpretierte UltimaterializerX einmal Terra/Tina als Mary Sue, ein, wie oben zu sehen, sehr wertvoller methodischer Ansatz.

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