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NC2010 Impressionen: Kakera

Anders als letztes Jahr werde ich mir nicht den Stress geben und über alle Filme schreiben, die ich auf der diesjährigen Nippon Connection ansehe. Stattdessen werde ich mir einzelne Filme (und eventuell auch Themen) herauspicken und zu diesen kompaktere Posts schreiben. Wie letztes Jahr schon sind Niveau wie Bandbreite auch diesmal wieder ziemlich hoch, es hat wohl mit meiner persönlichen Präferenz (und Kompetenz) zu tun, dass ich mir dazu aus den gestrigen Vorstellungen die Manga-Verfilmungen herauspicken möchte.

Wie ich erst im Abspann gemerkt habe, basiert ANDŌ Momokos Regie-Debüt Kakera – A Piece of Our Life auf dem Manga Love Vibes von SAKURAZAWA Erica, einer der Comicautorinnen in Japan, die die üblichen Shōjo-Manga-Kategorien überwinden und eine erwachsene Leserschaft jenseits geschlechtsspezifischen Zielgruppeneinteilungen erreichen konnte. Allerdings basiert der Film nur sehr lose auf der Vorlage von 1996 und ANDŌ hat eher einzelne Textzeilen entlehnt als versucht, die Geschichte originalgetreu umzusetzen, ein Ansatz, der von SAKURAZAWA aber durchaus begrüßt wird (japanischer Interview-Link). Das heißt Akteure und Handlung dieser wunderschönen lesbischen Liebesgeschichte sind offenbar weitestgehend neu (ohne die Vorlage gelesen zu haben) und, wie ANDŌ ebenfalls im Interview erzählt, an die Jetztzeit angepasst.

Kurz zur Story: Die Studentin Haru wird in einem Cafe unerwartet von der Prothesenmodelliererin Riko angesprochen, die keinerlei Scheu hat, ihr Interesse an Haru direkt zu zeigen und auszusprechen. Riko wohnt anders als Haru zwar noch bei ihren Eltern, steht aber schon voll im Berufsleben und lebt ihre sexuelle Orientierung offen aus. Haru hat nach anfänglicher Überraschung wenig Hemmungen, sich auf die neue Beziehung einzulassen, und eher Schwierigkeiten, die alte, wenig erfüllende Beziehung zu ihrem Freund zu beenden und auch in der Öffentlichkeit 100%ig zu Riko zu stehen.

Die Handlung ist so radikal wie glaubwürdig. Beide diese Eigenschaften unterscheiden den Film von der Thematisierung von Homosexualität in der Masse japanischer Comics, in der sie zwar auf breiter Ebene stattfindet (einerseits im sogenannten Boys-Love-Genre über vermeintlich männliche homosexuelle Protagonisten von und für Frauen, anderseits in pseudolesbischen Pornomangas von und für Männer), aber meist eher Symbolcharakter hat als authentische Darstellung des Themas bietet. Ein Grund dafür mag sein, dass ANDŌ wie SAKURAZAWA Homosexualität aus ihrer eigenen weiblichen Perspektive darstellen, aber wichtiger ist wohl doch der Ansatz und der Mut, die Handlung auf fassbarer Realität zu basieren (statt auf möglichst alltagsfernen Settings, um für die Leser unbedrohlich zu bleiben). The River’s Edge von SAKURAZAWAs noch berühmteren Kollegin OKAZAKI Kyōko ist ein Beispiel dafür, wie mit diesem Ansatz auch eine Frau überzeugend (echte) männliche Homosexualität darstellen kann. Die Manga von OKAZAKI und SAKURAZAWA sind Erwachsenenliteratur und ähneln in dieser Hinsicht eher entsprechenden Romanen oder eben Filmen, weswegen ANDŌs Adaption außer der Anpassung an den Wandel des Zeitgeists wohl keine großen Sprünge in der Herangehensweise machen musste.

Weniger offensichtlich als die Thematisierung von Homosexualität ist der aber ebenfalls nicht außer Acht zu lassende Aspekt der Stärke der Protagonistinnen von Kakera. Sie sind im positiven Sinne emanzipiert. Natürlich muss man nicht lesbisch sein, um emanzipiert zu sein, aber gerade deshalb können die Protagonistinnen von Kakera als Vorbilder dafür dienen, den Mut zu finden, eigene Ziele und Wünsche entschlossen zu verwirklichen. Der Feminismus von ANDŌs Kakera, wenn man ihn so nennen will, geht daher weiter als der viel beschworene Feminismus von HAGIO Moto und dem vom ganzen heutigen Boys-Love-Genre. Statt Mädchen zu männlichen Protagonisten zu machen, um ihnen einen Geschmack von einem von weiblichen Rollenklischees (teilweise) befreiten Lebensstil zu vermitteln, wagt ANDŌs Film einen nötigen Schritt mehr.

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