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NC2010 Impressionen: Miyoko

Miyoko Asagaya Kibun ist ein biographischer Film, der auf dem gleichnamigen Comic aus den 70ern basiert, über den japanischen Comiczeichner ABE Shin’ichi und mehr noch über seine Lebensgefährtin, die Miyoko aus dem Titel, die Modell und Hauptfigur seiner ebenfalls biographischen Comics war. ABE ist ein Vertreter der sogenannten Gekiga, was dramatische Bilder bedeutet und ein erwachsener Gegenentwurf zu den eher für Kinder geschriebenen früheren Manga, was man mit spielerische Bilder übersetzen kann. Gekiga waren ab den 60ern einer der großen neuen Trends im Comicmedium1 Neben dem durch das Aufkommen von erstmals weiblichen Zeichnerinnen vitalisierten Shōjo-Manga. und bereicherten es um Themen und Ausdrucksmöglichkeiten, die der heutige Manga-Leser wohl als selbstverständlich ansieht.

Klassische Gekiga wurden kaum übersetzt, dieser Film bietet für westliche Zuschauer daher einen seltenen Einblick in einen Teil der japanischen Comicgeschichte, der sonst nur aus Fachliteratur wie der von Schodt oder Kinsella zu beziehen ist. ABE ist nun nicht unbedingt der bekannteste Gekiga-Vertreter und in seiner Betonung von zwei Aspekten der Gekiga, dem naturalistisch-biographischen literarischen Ansatz und der Darstellung von Sexualität, vielleicht nicht ideal, um dem Gekiga-Neuling diese Comicautoren-Szene in all ihren Facetten nahezubringen, aber der Teileindruck vom Genre, den der Film vermittelt, ist durchaus nicht irreführend. Behält man im Hinterkopf, dass andere Zeichner sich in ihren Themen weniger auf Sex als auf soziale Umstände konzentriert hatten, sind die gezeigten Szenen alles andere als untypisch oder irreführend.

ABE ist, wie er im Film gegenüber seinem Redakteur selbst zugibt, kein wirklich guter Zeichner und fotografiert seine Freundin Miyoko daher in den gewünschten Posen, die er zum (Ab-)Zeichnen seiner Comicgeschichten braucht. ABEs und Miyokos Beziehung, wie sie auch in den Comics zum Ausdruck kommt, ist von einer regelrechten gegenseitigen Empathie geprägt, die bis hin zur Verschmelzung ihrer Gedankenwelt geht. Damit ist er trotz der Sonderrolle, die er innerhalb der Gekiga einnimmt, doch ein wegweisender Vertreter des Mediums Comic und seine Person hat sicher auch viele Vorstellungen geprägt über Manga als eine Ausdrucksform, die mit zeichnerischen Mitteln vorübergehenden Geschlechtswandel ermöglicht.

Beziehung zwischen Mann und Frau, surrealistische Verarbeitung der eigenen Lebenswelt, Miyoko erinnerte mich in einigen Szenen nicht von ungefähr an Nejishiki (Schraubenartig), eine Verfilmung der gleichnamigen Kurzgeschichte von Gekiga-Altmeister TSUGE Yoshiharu. Diese Kurzgeschichte ist mit ungefähr 50 Seiten eigentlich viel zu kurz, um für einen abendfüllenden Spielfilm dienen zu können, der Film zeigt demenstprechend auch erst über eine Stunde lang das Leben des Autors, wobei ebenfalls seine Beziehung zu Frauen thematisiert wird, bevor die Handlung des Comics als eine Art Fiebertraum TSUGEs am Ende beginnt. Nejishiki ist nicht so offensichtlich biographisch wie ABEs Comics, aber in der Verfilmung wird auch aus Nejishiki eine klar biographische Geschichte. Die Kernhandlung, wie sie sich im Comic findet, stellt einen Abnabelungsprozess in surreal symbolischen Bildern dar. ABEs Miyoko Asagaya Kibun geht den umgekehrten Weg und sucht die vollständige Einheit mit seiner Protagonistin.

ABEs Kollegen bei der Zeitschrift Garo, in der er veröffentlicht und die bis heute eine der wichtigsten Plattformen für anspruchsvolle Comics in Japan darstellt, wirken im Film teilweise sehr prätentiös und sogar infantil, was dem Anspruch ihrer Comics zu widersprechen scheint, doch deckt sich diese Darstellung mit Szenen aus biographischen Kurzgeschichten von UCHIDA Shungicu, die in den 80/90ern einige ihrer Kollegen bei der Garo ebenfalls schonungslos als exzentrische Kindsköpfe darstellte. Das macht eben auch den Naturalismus des Genres aus.

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  1. Neben dem durch das Aufkommen von erstmals weiblichen Zeichnerinnen vitalisierten Shōjo-Manga. []
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