Archiv für den April 19th, 2010

NC2010 Impressionen: Chocolate Underground

Montag, 19. April, 2010

Dieser Film ist höchstwahrscheinlich der optisch unspekakulärste Anime, der je auf der Nippon Connection gezeigt wurde; dafür ist die Optik aber zuckersüß und der Plot sicher eine der mächtigsten Parodien, die ich in meinem Leben das Vergnügen hatte, sehen zu dürfen. Den Spieß umdrehen (gyakuten) ist eines der großen Themen der jüngeren Otaku-Literatur und Chocolate Underground gelingt dies überaus gut. Stellt sich nur noch die Frage, wie man mehr der Leute, an die sich die Aussage des Films richtet, zum Ansehen dieses köstlichen Zeichentrickfilms bewegen könnte.

NC2010 Impressionen: No More Cry!!!

Montag, 19. April, 2010

Einer der längeren und gleichzeitig erzählerisch dichtesten Filme dieses Jahr war No More Cry!!! (Naku mon ka), der ein wenig wie die (Tragik-)Komödienversion des 2008 gezeigten reinen Rührstücks Nada sō sō anmutete. Der Vergleich macht deutlich, dass traurige Momente so viel effektiver wirken, wenn sie einen Kontrast bilden können zu einer andersgearteten, in diesem Falle komischen, Grundstimmung.

Nicht nur inhaltlich steht der Film mit den Figuren des fiktiven Comikerduos Kinjo Brothers der Fernsehunterhaltung nahe, er demonstriert eindrucksvoll das erzählerische Potential der modernen Melodramform der Seifenoper, das im Ergebnis eine komplexe Narrative mit zahlreichen Storyfäden und Bedeutungsebenen ermöglicht. Mit Humor räumt er außerdem festgefahrene Vorstellungen beiseite und versucht zumindest, den Zuschauer zu neuem Denken zu ermutigen.

NC2010 Impressionen: Zero Focus

Montag, 19. April, 2010

Zero Focus (Zero no shōten), die Verfilmung eines Romans von einem der großen Nachkriegskrimiautoren Japans, MATSUMOTO Seichō, spielt in den späten 50er Jahren, in denen eine frischgebackene Ehefrau, Teiko, vor dem Hintergrund der erste Erfolge feiernden Frauenbewegung, dem Verschwinden ihres Mannes nachgeht. Der Film lief direkt im Anschluss an Kaiji, und der Kontrast zwischen dessen simpler Weltanschauung und Zero Focus‘ differenziertem Porträt des frühen Nachkriegsjapan hätte nicht größer sein können.

Teikos Ermittlungen können zwar ihren toten Mann nicht zurückbringen, wohl aber weiteren Menschen den Tod. Um seine Spuren zu verwischen, muss der Täter immer mehr Menschen aus dem Weg schaffen, eben die einheimischen Helfer bei Teikos Ermittlungen. Einen der wichtigsten Hinweise auf den Täter liefert Teiko selbst mit einer entlarvenden Beobachtung schon früh im Film, doch irgendwie deckt sie nur die traurigen Umstände eines sinnlosen Mordes auf, der sich durch die Ermittlungen zu einer immer weitere Kreise ziehenden Serie entwickelt. Das führt dazu, dass meine Sympathien am Ende eher beim Täter lagen, als bei der Ermittlerin Teiko, für deren selbstsüchtige Aufklärung einem irgendwann das Verständnis ausgeht.

Zero Focus ist ein moderner Krimi, der auf simple Gut-Böse-Darstellung verzichtet und sich stattdessen mit den Ursachen und den Umständen des Verbrechens auseinandersetzt. Als wahrer Verbrecher entlarvt sich schließlich die Gesellschaft mit ihren konservativen Denkmustern.

Wer den Film gesehen hat, interessiert sich vielleicht dafür, dass ein ähnliches Thema auch schon in Injū von EDOGAWA Ranpo, einem Pionier des japanischen Detektivromans und damit Vorläufer MATSUMOTO Seichōs, bearbeitet wurde, das von den erzählerischen Methoden zwar eher mit Kaiji zu vergleichen ist, aber überraschend ähnliche Konstellationen wie Zero Focus aufweist.

NC2010 Impressionen: L vs. Light Rematch

Montag, 19. April, 2010

Die beiden Hauptdarsteller der „Death Note“-Verfilmung, MATSUYAMA Ken’ichi (L) und FUJIWARA Tatsuya (Light) hatten beide jeweils einen neuen Film mit sich in der Hauptrolle bei der diesjährigen Nippon Connection am Start. Letztes Jahr hatte MATSUYAMA leichtes Spiel mit der Comicverfilmung Detroit Metal City, da diese einfach zu gut war und FUJIWARA ihm auch ohne Kontra das Feld überließ. Dieses Jahr sieht die Sache schon anders aus: MATSUYAMA spielt einen etwas „anderen“ jungen Mann in Bare Essence of Life („japanischer“ Titel: Ultra Miracle Love Story) und FUJIWARA einen vom Schicksal geplagten Loser-Typen in Kaiji – Jinsei gyakuten game.

Um es kurz zu machen: MATSUYAMAs neuem Film fehlt es an einer zielführenden narrativen Linie und er wird von FUJIWARAs neuem Film gnadenlos im Staub zurückgelassen. Dieser knüpft nicht nur durch den Hauptdarsteller an Death Note an, er ist ebenfalls eine Comicverfilmung und bedient sich ähnlicher Shōnen-Manga-Erzähltechniken wie die „Death Note“-Filme, inklusive der allseits beliebten unvorhersehbaren Wendungen. Tatsächlich ist er noch shōnen-artiger als DN, obwohl der Titel der Zeitschrift, in der die Vorlage erschienen ist (Young Magazine), eher einen Comic für junge Erwachsene vermuten lässt. Ist aber nicht schlimm, DN war auch sehr düster für einen Shōnen-Manga, da kann auch ein Seinen-Manga im Vergleich kindischer rüberkommen.

FUJIWARAs Figur Kaiji, dessen Name ich mal frech als Variation der bekannten Kaijū (wundersame Monster), zu denen z. B. Godzilla gehören, aber auch die Gegner aus japanischen Superheldengeschichten wie Ultraman oder diversen Sentai/Ranger-Serien, bei dem das Monster (jū) durch Kind (ji) ersetzt wurde. Quasi die niedliche Pokemon-Version des zerstörerischen Monster-Godzilla-Lights. Ein Loser, der den Spieß in einem wahnwitzigen Spiel umdreht (jinsei gyakuten game).

Das übertriebene Shōnen-Manga-Pathos ist herrlich bescheuert und die Satire trotz der naiven Metaphern durchaus treffsicher. Also klarer Sieg für FUJIWARA. MATSUYAMA muss aber nicht traurig sein, da er in Kaiji auch in einer Nebenrolle auftritt (was ich allerdings erst im Abspann bemerkt hatte, lol).

Eigentlich wollte ich diesen Artikel brandaktuell vom Festival aus mit dem Blackberry veröffentlichen, hatte mir auch schon vor dem Ende des Films überlegt, wie der Artikel hätte aussehen sollen, aber dann hatte ich weder in der ersten Pause noch der zweiten die Zeit dazu gefunden und es schließlich auf später verschoben. Über einen Tag später, also reichlich spät für einen brandaktuellen Artikel, aber zumindest ist der Inhalt weitestgehend mit dem gestern geplanten Artikel identisch.