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Song Wars: Kultur als „Waffe“

Vorsicht: Dieser Artikel spoilert Macross, Mother/Earthbound Zero und Chrono Cross!

SF und große mit Menschen bemannte Roboter erfreuen sich großer Beliebtheit in japanischen Zeichentrickfilmen und eine der beliebtesten japanischen TV-Serien aus den frühen 80ern, Macross, schaffte es mit diesen beiden Elementen unter dem Namen Robotech auch bis nach Amerika. Macross wurde, nicht zuletzt wegen der Kinofilmadaption (siehe unten), zum definierenden Werk der zweiten Generation von Otaku, und positioniert sich in dieser Eigenschaft zwischen Gundam und Space Battleship Yamato aus den 70ern und Neon Genesis Evangelion aus den 90ern, die jeweils für die erste und dritte Generation von Otaku dieselbe Funktion übernehmen.1 Dōbutsu-ka suru posuto modaan, S. 13, AZUMA Hiroki Allen diesen Serien ist das SF-Setting gemein, ebenso wie die spätere Adaption für das Kino. Mit Ausnahme von Yamato spielen auch in allen bemannte Roboter eine zentrale Rolle, die bereits in den 60ern das Genre beherrscht hatten.

Mit Gundam verbindet Macross die interplanetaren Konflikte, mit Evangelion die außerirdische Technologie, die von den Erdenbewohnern plötzlich und mit verheerenden Folgen gefunden und angewendet wird.2 Beides hat natürlich Symbolcharakter, Planeten könnten auch Länder auf der Erde sein, die Erdenbewohner auch eine konkrete Nation auf der Erde Konkret erlaubt diese neue Technologie den Erdenmenschen aus Macross im frühen 21. Jahrhundert erstmals zu den Sternen zu fliegen, wo sie zwischen die Fronten zweier sich bekriegender Rassen von Riesen geraten, den Zentradi und den Meltlandi, die jeweils nur aus einem Geschlecht bestehen: erstere sind alle Männer, letztere alle Frauen. Beide wurden aber von einem sehr viel älteren Volk (deren Vertreter im Film als Protoculture bezeichnet werden) durch Genmanipulation als Kriegswerkzeuge erschaffen. Die Kultur der Menschen ähnelt der der Erschaffer der beiden Riesenrassen und die kulturellen Fähigkeiten der Menschen erlauben es ihnen, ein Lied der Protoculture als Werkzeug einzusetzen, um zu den Zentradi durchzudringen und einige von ihnen auf ihre Seite zu ziehen.

Lynn Minmay entscheidet die letzte Schlacht in
The Super Dimension Fortress Macross: Do You Remember Love?
mit einem Lied.

Ein eigentlich friedliches und schönes Lied untermalt die umso verstörendere Kriegsszenerie, Kultur beendet Krieg, die Frau Lynn Minmay besiegt den außerirdischen Anführer der männlichen Zentradi. Ein sehr ähnliches Bild findet sich in Mother für das Famicom. Dieser „Dragon Quest“-Clone, der das westliche Mittelalter in die westliche Hollywood-Gegenwart versetzt, bedient sich sehr ähnlicher Motive in seinem Endkampf:

Ninten und seine Freunde singen das Lied seiner Urgroßmutter Maria und besiegen so den von ihr aufgezogenen außerirdischen Giegue.

Die Assoziation von Erde und Mutter ist nach unserem Wortgebrauch naheliegend, hat in Japan aber eine zusätzliche Dimension: Dort spricht man nämlich nicht nur von Mutter Erde, sondern auch vom Mutterland (bokoku), anders als in den meisten westlichen Sprachen, die Begriffe wie Vaterland (lateinisch Patria) oder, davon abgeleitet, Patriotismus aufweisen. Auch wenn der vom japanischen Spieler gesteuerte Ninten in Amerika lebt, kann dort jeder (verrückte Hippies, korrupte Polizisten, beißende Tiere oder mit Abgasen Asthma auslösende Laster) zum Feind werden und alle sind damit doch Verbündete der außerirdischen Armee des unreifen Giegues. Marias Erinnerungen wachrufendes Lied im Kampf gegen Giegue könnte man also deuten als die große Mutter Japan gegen den kleinen Knaben Amerika. Aber auch genauso gut umgekehrt, der christliche Name der Gottesmutter Maria markiert sie als Vertreterin des vergleichsweise emanzipierten amerikanischen Muttertyps und Giegue als Antagonisten von Ninten als die böse Seite des Spielers, also ihren japanischen Vereinnahmer. Der aber genauso gut ein amerikanischer Vereinnahmer sein könnte, nur Hauptsache ein Geek/Giegue.

Dieser Widerstreit der Kulturen und der dadurch in Gang gesetzte Wandel von Geschlechtervorstellungen, das Verständnis der Geschlechterbeziehungen und ihrer Dynamik kann einen regelrechten Widerwillen gegen das eigene Geschlecht auslösen. Zum Beispiel auch in der Mutter selbst, die ob der Aussicht auf Emanzipation, die sich aber nicht erfüllt, selbst zum Endgegner werden kann. Zum Beispiel in Chrono Cross, in dem nicht das Lied zur Waffe wird, sondern die Waffe zum Lied:

Besänftigen des Timedevourers mit einem Lied.

Das titelgebende Chrono Cross lässt die Elementarmagien Töne erzeugen, ihre richtige Kombination besänftigt den Endgegner schließlich, ohne seine HP auf Null bringen zu müssen und ihn so zu töten, womit das Problem auch nicht gelöst wäre. Stattdessen werben die mit langen Texten gesäumten letzten Spielstunden von CC bis in die Endsequenz für Verständnis der komplexen Situation und Akzeptanz des eigenen Geschlechts. Star Appeasement statt Star Wars.

  1. Dōbutsu-ka suru posuto modaan, S. 13, AZUMA Hiroki []
  2. Beides hat natürlich Symbolcharakter, Planeten könnten auch Länder auf der Erde sein, die Erdenbewohner auch eine konkrete Nation auf der Erde []
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