Archiv der Kategorie ‘Comic’

Aoi Haru / Blue Spring

Sonntag, 10. Februar, 2008

Aoi Haru (zu deutsch: Blauer Frühling) ist eine Sammlung von Kurzgeschichten vom japanischen Comiczeichner über sogenannte , halbstarke Tunichtgute, die sich gerne prügeln. Der Titel des Comics ist ein Wortspiel: das japanische Wort für Jugend setzt sich nämlich zusammen aus den sino-japanischen Zeichen für Blau und Frühling. Warum aber Blau und nicht Grün? Des Rätsels Lösung: das japanische Wort für Blau schließt den Farbton Grün mit ein.

Aufmerksam wurde ich auf diesen Comic über die Verfilmung von , die 2002 unter dem Titel Blue Spring auf der gezeigt wurde. TOYODA verbindet Motive und Figuren einiger der Kurzgeschichten und erzählt so eine Geschichte in Spielfilmlänge. Ebenfalls unter dem Titel Blue Spring ist die englische Übersetzung von Aoi Haru erschienen.

Das Hauptmotiv und die Protagonisten des Films sind der ersten Kurzgeschichte entnommen, Shiawase nara te wo tatakō (auf deutsch: Wenn du glücklich bist, klatsch in die Hände). KUJŌ und AOKI sind Freunde und regieren über ihre Schule. Dieses Recht erlangen sie durch eine ziemlich gefährliche Mutprobe: Sie halten sich an der Außenseite eines Geländers auf dem Dach der Schule fest, lassen los, klatschen so oft wie möglich in die Hände, bevor sie wieder nach dem Geländer greifen, um nicht herunterzustürzen.

Die anderen Kurzgeschichten handeln von zufällig gefundenen Revolvern, Mahjong, Baseball, Yakuza, die die jugendlichen Furyō anwerben wollen, Messerstechereien, Randale im Family-Restaurant und einer Hetzjagd. Sex und Masturbation sind außerdem Motive, die in den Kurzgeschichten immer wiederkehren. Diese fehlen im Film aber völlig, stattdessen wird ausgiebig die Gewalttätigkeit der Furyō dargestellt, ein Element, das wiederum im Comic nicht ganz so stark ist.

Gespielt werden KUJŌ und AOKI von und ARAI Hirofumi. Der Film wurde 2001 gedreht und ist in Amerika auf DVD erschienen. Der Comic wurde bereits 1993 veröffentlicht, die englische Übersetzung erst 2004. Beide sind sehr empfehlenswert, wenn man sich für japanische Jugendkultur bzw. ihre sozialen Außenseiter interessiert.

Kiseijū

Mittwoch, 6. Februar, 2008

Das erste Mal habe ich Kiseijū vor über 10 Jahren gelesen. Damals noch in der englischen Übersetzung, die unter dem Titel Parasyte ab 1997 in einer der ersten amerikanischen Manga-Anthologien namens Mixxzine erschien. Diese Anthologie vereinte recht unterschiedliche Serien ineinander. Neben dem grotesk-brutalen Kiseijū/Parasyte, das eher für ältere Leser gedacht war, war auch Sailor Moon enthalten, das eine vergleichsweise eher jüngere Zielgruppe anspricht. Aber Amerika ist ja sehr tolerant was Gewaltdarstellungen angeht, so das sogar so eine unwahrscheinliche Kombination zustande kommen konnte. Sailor Moon wurde trotzdem bald in eine andere Anthologie verfrachtet.

Leider habe ich nur wenige Ausgaben von Mixxzine gelesen, obwohl Kiseijū/Parasyte ein Weiterlesen auf jeden Fall wert gewesen wäre. Das nächste Mal begegnete ich Kiseijū während meines Japanaufenthalts 2002. Dort wurde mir der Comic von mehreren Leuten wärmstens empfohlen. Er genießt einen sehr guten Ruf in Japan und wird auch von Leuten geschätzt, die Manga sonst eher kritisch gegenüber stehen. Aber auch während meines Jahres in Japan habe ich Kiseijū nicht weitergelesen.

Erst als meine japanische Freundin Anfang des Jahres Kiseijū bei einer Tachiyomi-Session (Lesen im Stehen im Buchladen) entdeckt hat, kam ich endlich in den vollen Genuss dieses Meisterwerks von Autor . Der Comic hatte ihr so gut gefallen, dass sie sich alle Bände doch gekauft hat, um sie noch einmal in Ruhe zu lesen. Danach landeten die Bände bei mir und ich las ihn zum ersten Mal auf japanisch.

Kiseijū, zu deutsch Parasitenbestien, handelt von schlangenförmigen Parasiten, die das Gehirn von (vorzugsweise) Menschen befallen, die Kontrolle über ihren Körper übernehmen und sich danach von anderen Menschen ernähren. Die Kiseijū können beliebig ihre Gestalt verändern, d. h. der Kopf des befallenen Menschen kann sich verformen, z. B. zu messerscharfen Tentakeln, mit denen sie Menschen zu Hackfleisch verarbeiten und dann auffressen.

Shin’ichi wurde beinahe das Opfer eines solchen Parasiten, bemerkte ihn aber rechtzeitig und wehrte ihn mit seiner Hand ab. Dem Parasit misslingt der Versuch, das Gehirn zu übernehmen, und er nistet sich stattdessen in Shin’ichis rechter Hand ein. Ernährt durch den Blutkreislauf Shin’ichis braucht der Parasit keine Menschen zu fressen und geht eine friedliche Koexistenz mit seinem Wirt ein. Auch Shin’ichi arrangiert sich notgedrungen mit seinem Parasiten, der für sich selbst den simplen Namen Migii (Rechtie) wählt.

Shin’ichi ist der einzige, der weiß, wer hinter den rätselhaften Hackfleischmorden steckt. Gerne möchte er die Menschheit warnen, doch Migii, der nur an sein eigenes Überleben denkt, ist von der Idee wenig angetan. Zwar beschützt er Shin’ichi vor anderen Kiseijū, aber lässt er doch keinen Zweifel daran, dass er dies nur tut, um selbst zu überleben. Und bereit ist, Shin’ichi am Reden zu hindern.

Die Kiseijū können einander ab einer Entfernung von 300 Meter spüren, was dazu führt, dass Shin’ichi immer wieder die Bekanntschaft von Artgenossen Migiis macht. Diese erweisen sich als sehr individuell und nicht alle trachten Shin’ichi nach dem Leben. Auch enden die Hackfleischmorde irgendwann, weil die Kiseijū lernen, ihre Morde besser zu tarnen und ihre Spuren zu verwischen.

Shin’ichi macht infolge seiner Erfahrungen mit den Kiseijū einige Veränderungen durch, was auch seinen Freunden und seiner Familie nicht entgeht. Seine innere Zerrissenheit und Selbstzweifel werden überzeugend dargestellt. Der Reiz des Comics liegt daher neben der in der psychologischen Darstellung seiner Figuren.

Wer SciFi/Horror-Comics mag, dem wird Kiseijū sicherlich gefallen. Er ist abgeschlossen und komplett auf Englisch unter dem Titel Parasyte erschienen. Die ursprünglichen Auflagen bei TOKYOPOP sind mittlerweile vergriffen, aber er wird neu aufgelegt bei Del Rey. Die japanische Leserichtung wird in der Übersetzung nicht eingehalten: Parasyte ist gespiegelt, weswegen aus Migii plötzlich Lefty wird. Aber das lässt sich verschmerzen.