Zur deutschen Seite.
(Deutsche und englische Artikel,
deutsche Oberfläche.)

Read the German page.
(German and English articles,
with German interface.)

Read the English page.
(Only English articles,
with English interface.)

Zur englischen Seite.
(Nur englische Artikel,
englische Oberfläche.)

Artikel mit dem Stichwort ‘Comic’

[Glossar] Manga

Samstag, 10. Juli, 2010

Manga ist das japanische Wort für Comic und bezeichnet sowohl das Medium der „sequentiellen Bild gemischt mit Text“-Erzählform, wie auch den damit assoziierten Stil, also auch Zeichentrick- und andere Animationsfilm-Adaptionen von Comicbüchern. Außerhalb Japans hat sich Manga als Bezeichnung für Comics speziell aus Japan eingebürgert, in seinem Heimatland wird der Begriff aber für Comics und Zeichentrickfilme aus aller Welt gebraucht.

NC2010 Impressionen: L vs. Light Rematch

Montag, 19. April, 2010

Die beiden Hauptdarsteller der „Death Note“-Verfilmung, MATSUYAMA Ken’ichi (L) und FUJIWARA Tatsuya (Light) hatten beide jeweils einen neuen Film mit sich in der Hauptrolle bei der diesjährigen Nippon Connection am Start. Letztes Jahr hatte MATSUYAMA leichtes Spiel mit der Comicverfilmung Detroit Metal City, da diese einfach zu gut war und FUJIWARA ihm auch ohne Kontra das Feld überließ. Dieses Jahr sieht die Sache schon anders aus: MATSUYAMA spielt einen etwas „anderen“ jungen Mann in Bare Essence of Life („japanischer“ Titel: Ultra Miracle Love Story) und FUJIWARA einen vom Schicksal geplagten Loser-Typen in Kaiji – Jinsei gyakuten game.

Um es kurz zu machen: MATSUYAMAs neuem Film fehlt es an einer zielführenden narrativen Linie und er wird von FUJIWARAs neuem Film gnadenlos im Staub zurückgelassen. Dieser knüpft nicht nur durch den Hauptdarsteller an Death Note an, er ist ebenfalls eine Comicverfilmung und bedient sich ähnlicher Shōnen-Manga-Erzähltechniken wie die „Death Note“-Filme, inklusive der allseits beliebten unvorhersehbaren Wendungen. Tatsächlich ist er noch shōnen-artiger als DN, obwohl der Titel der Zeitschrift, in der die Vorlage erschienen ist (Young Magazine), eher einen Comic für junge Erwachsene vermuten lässt. Ist aber nicht schlimm, DN war auch sehr düster für einen Shōnen-Manga, da kann auch ein Seinen-Manga im Vergleich kindischer rüberkommen.

FUJIWARAs Figur Kaiji, dessen Name ich mal frech als Variation der bekannten Kaijū (wundersame Monster), zu denen z. B. Godzilla gehören, aber auch die Gegner aus japanischen Superheldengeschichten wie Ultraman oder diversen Sentai/Ranger-Serien, bei dem das Monster (jū) durch Kind (ji) ersetzt wurde. Quasi die niedliche Pokémon-Version des zerstörerischen Monster-Godzilla-Lights. Ein Loser, der den Spieß in einem wahnwitzigen Spiel umdreht (jinsei gyakuten game).

Das übertriebene Shōnen-Manga-Pathos ist herrlich bescheuert und die Satire trotz der naiven Metaphern durchaus treffsicher. Also klarer Sieg für FUJIWARA. MATSUYAMA muss aber nicht traurig sein, da er in Kaiji auch in einer Nebenrolle auftritt (was ich allerdings erst im Abspann bemerkt hatte, lol).

Eigentlich wollte ich diesen Artikel brandaktuell vom Festival aus mit dem Blackberry veröffentlichen, hatte mir auch schon vor dem Ende des Films überlegt, wie der Artikel hätte aussehen sollen, aber dann hatte ich weder in der ersten Pause noch der zweiten die Zeit dazu gefunden und es schließlich auf später verschoben. Über einen Tag später, also reichlich spät für einen brandaktuellen Artikel, aber zumindest ist der Inhalt weitestgehend mit dem gestern geplanten Artikel identisch.

NC2010 Impressionen: Miyoko

Samstag, 17. April, 2010

Miyoko Asagaya Kibun ist ein biographischer Film, der auf dem gleichnamigen Comic aus den 70ern basiert, über den japanischen Comiczeichner ABE Shin’ichi und mehr noch über seine Lebensgefährtin, die Miyoko aus dem Titel, die Modell und Hauptfigur seiner ebenfalls biographischen Comics war. ABE ist ein Vertreter der sogenannten Gekiga, was dramatische Bilder bedeutet und ein erwachsener Gegenentwurf zu den eher für Kinder geschriebenen früheren Manga, was man mit spielerische Bilder übersetzen kann. Gekiga waren ab den 60ern einer der großen neuen Trends im Comicmedium1 Neben dem durch das Aufkommen von erstmals weiblichen Zeichnerinnen vitalisierten Shōjo-Manga. und bereicherten es um Themen und Ausdrucksmöglichkeiten, die der heutige Manga-Leser wohl als selbstverständlich ansieht.

Klassische Gekiga wurden kaum übersetzt, dieser Film bietet für westliche Zuschauer daher einen seltenen Einblick in einen Teil der japanischen Comicgeschichte, der sonst nur aus Fachliteratur wie der von Schodt oder Kinsella zu beziehen ist. ABE ist nun nicht unbedingt der bekannteste Gekiga-Vertreter und in seiner Betonung von zwei Aspekten der Gekiga, dem naturalistisch-biographischen literarischen Ansatz und der Darstellung von Sexualität, vielleicht nicht ideal, um dem Gekiga-Neuling diese Comicautoren-Szene in all ihren Facetten nahezubringen, aber der Teileindruck vom Genre, den der Film vermittelt, ist durchaus nicht irreführend. Behält man im Hinterkopf, dass andere Zeichner sich in ihren Themen weniger auf Sex als auf soziale Umstände konzentriert hatten, sind die gezeigten Szenen alles andere als untypisch oder irreführend.

ABE ist, wie er im Film gegenüber seinem Redakteur selbst zugibt, kein wirklich guter Zeichner und fotografiert seine Freundin Miyoko daher in den gewünschten Posen, die er zum (Ab-)Zeichnen seiner Comicgeschichten braucht. ABEs und Miyokos Beziehung, wie sie auch in den Comics zum Ausdruck kommt, ist von einer regelrechten gegenseitigen Empathie geprägt, die bis hin zur Verschmelzung ihrer Gedankenwelt geht. Damit ist er trotz der Sonderrolle, die er innerhalb der Gekiga einnimmt, doch ein wegweisender Vertreter des Mediums Comic und seine Person hat sicher auch viele Vorstellungen geprägt über Manga als eine Ausdrucksform, die mit zeichnerischen Mitteln vorübergehenden Geschlechtswandel ermöglicht.

Beziehung zwischen Mann und Frau, surrealistische Verarbeitung der eigenen Lebenswelt, Miyoko erinnerte mich in einigen Szenen nicht von ungefähr an Nejishiki (Schraubenartig), eine Verfilmung der gleichnamigen Kurzgeschichte von Gekiga-Altmeister TSUGE Yoshiharu. Diese Kurzgeschichte ist mit ungefähr 50 Seiten eigentlich viel zu kurz, um für einen abendfüllenden Spielfilm dienen zu können, der Film zeigt demenstprechend auch erst über eine Stunde lang das Leben des Autors, wobei ebenfalls seine Beziehung zu Frauen thematisiert wird, bevor die Handlung des Comics als eine Art Fiebertraum TSUGEs am Ende beginnt. Nejishiki ist nicht so offensichtlich biographisch wie ABEs Comics, aber in der Verfilmung wird auch aus Nejishiki eine klar biographische Geschichte. Die Kernhandlung, wie sie sich im Comic findet, stellt einen Abnabelungsprozess in surreal symbolischen Bildern dar. ABEs Miyoko Asagaya Kibun geht den umgekehrten Weg und sucht die vollständige Einheit mit seiner Protagonistin.

ABEs Kollegen bei der Zeitschrift Garo, in der er veröffentlicht und die bis heute eine der wichtigsten Plattformen für anspruchsvolle Comics in Japan darstellt, wirken im Film teilweise sehr prätentiös und sogar infantil, was dem Anspruch ihrer Comics zu widersprechen scheint, doch deckt sich diese Darstellung mit Szenen aus biographischen Kurzgeschichten von UCHIDA Shungicu, die in den 80/90ern einige ihrer Kollegen bei der Garo ebenfalls schonungslos als exzentrische Kindsköpfe darstellte. Das macht eben auch den Naturalismus des Genres aus.

http://www.nipponconnection.de/
  1. Neben dem durch das Aufkommen von erstmals weiblichen Zeichnerinnen vitalisierten Shōjo-Manga. []

NC2010 Impressionen: Crows Zero II

Freitag, 16. April, 2010

Ich hatte schon lange keinen Film von MIIKE Takashi mehr gesehen, seine zahlreichen Manga-Adaptionen1 Natürlich basieren nicht alle seine Filme auf Comics, aber sehr viele von ihnen. aber immer geschätzt, auch wenn ich nur selten die Vorlage oder auch nur den Autor der jeweiligen Vorlage vorher kannte. Crows von TAKAHASHI Hiroshi über jugendliche Schläger (sogenannte Furyō), die (nicht nur) auf dem Schulhof Krieg spielen, macht da (trotz seines Status als eine der Genrereferenzen dieser Sorte von Manga) keine Ausnahme. Anders als Ichi the Killer oder Fudō ist Crows eine Vorlage für ein eher junges Publikum und erscheint in einer der großen Shōnen-Manga-Zeitschriften, der Shōnen Champion, was für westliche Zuschauer vielleicht nur schwer zu glauben sein mag. Auch wenn Shōnen-Manga eine altertechnisch weit gefächerte Leserschaft haben, die Kernzielgruppe liegt bei Crows zwischen 12 und 15 Jahren.

Auch der zweite Teil der Kino-Adaption dieser Comic-Serie ist wie von MIIKE gewohnt gekonnt umgesetzt. Mein Lieblingsfilm zum Thema Furyō, Blue Spring, von TOYODA Toshiaki, stellt die Gewalt dieser Jugendlichen eher realistisch dar, also sinnlos und letzten Endes abstoßend. Entgegen dieser kritischen Auseinandersetzung ist Crows Zero II ein cooler Action-Film, der die Gewalt geradezu zelebriert, aber nicht verherrlicht, dafür aber die Werte, die diese Manga vermitteln. Crows ist im wahrsten Sinne Dragon Ball auf dem Schulhof, weswegen man Yūyū Hakusho von TOGASHI Yoshihiro, meinen Lieblings-Furyō-Manga (wenn man ihn denn so nennen will), schon als Brücke zwischen echten Furyō-Manga wie Crows und Battle-Manga á la Dragon Ball ansehen kann.

Es mag widersprüchlich erscheinen, dass ich einerseits den kritischen Blue Spring (gerade wegen der Kritik) so schätze, aber anderseits so viel Spaß beim Sehen von Crows Zero II hatte. Das moderne Kriegsszenario mitten im „pazifistischen“ Japan, die exzessive Gewalt, und noch dazu alles als Unterhaltungsfilm, das ist genau das, was TOYODA z. B. auch in Pornostar kritisiert. Aber letzten Endes zählt nicht nur, was man sagt, sondern auch, wie man es sagt, und MIIKE steht TOYODA in Punkto Regievirtuosität in nichts nach. Die vermittelten Werte wie Ehre, Loyalität und Achtung vor dem Leben (!) verleihen dem Film Charme, auch wenn man zugeben muss, dass TOYODAs Film der Realität doch sehr viel näher kommen dürfte. Allerdings nimmt Crows Zero II sich auch nicht zu ernst und ist in seiner Überzeichnung und in seinem Humor zumindest für erwachsene Zuschauer ein unbedenklicher Action-Spaß. Mir zumindest hat er sehr gut gefallen.

  1. Natürlich basieren nicht alle seine Filme auf Comics, aber sehr viele von ihnen. []

NC2010 Impressionen: Kakera

Freitag, 16. April, 2010

Anders als letztes Jahr werde ich mir nicht den Stress geben und über alle Filme schreiben, die ich auf der diesjährigen Nippon Connection ansehe. Stattdessen werde ich mir einzelne Filme (und eventuell auch Themen) herauspicken und zu diesen kompaktere Posts schreiben. Wie letztes Jahr schon sind Niveau wie Bandbreite auch diesmal wieder ziemlich hoch, es hat wohl mit meiner persönlichen Präferenz (und Kompetenz) zu tun, dass ich mir dazu aus den gestrigen Vorstellungen die Manga-Verfilmungen herauspicken möchte.

Wie ich erst im Abspann gemerkt habe, basiert ANDŌ Momokos Regie-Debüt Kakera – A Piece of Our Life auf dem Manga Love Vibes von SAKURAZAWA Erica, einer der Comicautorinnen in Japan, die die üblichen Shōjo-Manga-Kategorien überwinden und eine erwachsene Leserschaft jenseits geschlechtsspezifischen Zielgruppeneinteilungen erreichen konnte. Allerdings basiert der Film nur sehr lose auf der Vorlage von 1996 und ANDŌ hat eher einzelne Textzeilen entlehnt als versucht, die Geschichte originalgetreu umzusetzen, ein Ansatz, der von SAKURAZAWA aber durchaus begrüßt wird (japanischer Interview-Link). Das heißt Akteure und Handlung dieser wunderschönen lesbischen Liebesgeschichte sind offenbar weitestgehend neu (ohne die Vorlage gelesen zu haben) und, wie ANDŌ ebenfalls im Interview erzählt, an die Jetztzeit angepasst.

Kurz zur Story: Die Studentin Haru wird in einem Cafe unerwartet von der Prothesenmodelliererin Riko angesprochen, die keinerlei Scheu hat, ihr Interesse an Haru direkt zu zeigen und auszusprechen. Riko wohnt anders als Haru zwar noch bei ihren Eltern, steht aber schon voll im Berufsleben und lebt ihre sexuelle Orientierung offen aus. Haru hat nach anfänglicher Überraschung wenig Hemmungen, sich auf die neue Beziehung einzulassen, und eher Schwierigkeiten, die alte, wenig erfüllende Beziehung zu ihrem Freund zu beenden und auch in der Öffentlichkeit 100%ig zu Riko zu stehen.

Die Handlung ist so radikal wie glaubwürdig. Beide diese Eigenschaften unterscheiden den Film von der Thematisierung von Homosexualität in der Masse japanischer Comics, in der sie zwar auf breiter Ebene stattfindet (einerseits im sogenannten Boys-Love-Genre über vermeintlich männliche homosexuelle Protagonisten von und für Frauen, anderseits in pseudolesbischen Pornomangas von und für Männer), aber meist eher Symbolcharakter hat als authentische Darstellung des Themas bietet. Ein Grund dafür mag sein, dass ANDŌ wie SAKURAZAWA Homosexualität aus ihrer eigenen weiblichen Perspektive darstellen, aber wichtiger ist wohl doch der Ansatz und der Mut, die Handlung auf fassbarer Realität zu basieren (statt auf möglichst alltagsfernen Settings, um für die Leser unbedrohlich zu bleiben). The River’s Edge von SAKURAZAWAs noch berühmteren Kollegin OKAZAKI Kyōko ist ein Beispiel dafür, wie mit diesem Ansatz auch eine Frau überzeugend (echte) männliche Homosexualität darstellen kann. Die Manga von OKAZAKI und SAKURAZAWA sind Erwachsenenliteratur und ähneln in dieser Hinsicht eher entsprechenden Romanen oder eben Filmen, weswegen ANDŌs Adaption außer der Anpassung an den Wandel des Zeitgeists wohl keine großen Sprünge in der Herangehensweise machen musste.

Weniger offensichtlich als die Thematisierung von Homosexualität ist der aber ebenfalls nicht außer Acht zu lassende Aspekt der Stärke der Protagonistinnen von Kakera. Sie sind im positiven Sinne emanzipiert. Natürlich muss man nicht lesbisch sein, um emanzipiert zu sein, aber gerade deshalb können die Protagonistinnen von Kakera als Vorbilder dafür dienen, den Mut zu finden, eigene Ziele und Wünsche entschlossen zu verwirklichen. Der Feminismus von ANDŌs Kakera, wenn man ihn so nennen will, geht daher weiter als der viel beschworene Feminismus von HAGIO Moto und dem vom ganzen heutigen Boys-Love-Genre. Statt Mädchen zu männlichen Protagonisten zu machen, um ihnen einen Geschmack von einem von weiblichen Rollenklischees (teilweise) befreiten Lebensstil zu vermitteln, wagt ANDŌs Film einen nötigen Schritt mehr.

Nippon Connection 2009 – 4. Tag

Samstag, 25. April, 2009

Nachdem das Programm am Mittwoch auf hohem Niveau begann und sich jeden Tag steigern konnte, erreichte es am letzten Samstag dann schließlich seinen Höhepunkt. Es macht Sinn, dass man sich die besten Filme für das besucherreiche Wochenende aufgehoben hatte. Und bereits bei der 12 Uhr Vorstellung war der Saal voller als in manchen späteren Vorstellungen der Vortage. Wie am Freitag wurden fünf Filme aus dem Jahr 2008 gezeigt.

Detroit Metal City

Wie so viele japanische Filme, nicht nur auf dem Festival, ist auch dieser eine Adaption einer Comicvorlage. Regisseur LEE Toshio setzte den übertriebenen Humor des Mangas von WAKASUGI Kiminori sehr mediumsnah um und MATSUYAMA Ken’ichis Interpretation des Protagonisten NEGISHI/Krauser II. ist angemessen campig. NEGISHI träumt eigentlich von einer Popkarriere mit seichtem Tralala-Pop, hat aber nur als Krauser II. mit der Deathmetal-Band Detroit Metall City Erfolg, die ihm zutiefst zuwider ist. Die Doppelidentität zweier widersprüchlicher Charaktere verkörpert MATSUYAMA perfekt. MATSUYAMA hat übrigens auch den L in der „Death Note“-Verfilmung gespielt, eine Rolle die dieser hier ähnlicher ist, als man denken mag.

DMC war am Ende der Gewinner in der Gunst des Publikums und gewann den Nippon Cinema Award, der am Sonntagabend verliehen wurde. Der ähnlich gute GS Wonderland, ebenfalls ein Musikfilm, ebenfalls über den Erfolg einer westlichen Musikrichtung in Japan, ging hingegen leer aus. Tatsächlich waren diese beiden Filme die einzigen auf dem Festival, die einander ähnlich genug sind, um sie miteinander zu vergleichen, auch wenn der Erfolg von Deathmetal anders als der des Beatles-inspirierten Group Sounds rein fiktiv ist und eher eine Anspielung auf eine andere japanische Musikrichtung, Visual Kei, die zwar sehr eigentümlich japanisch, aber entfernt von den geschminkten Hardrockern Kiss beeinflusst ist, deren Sänger Gene Simmons in DMC einen amerikanischen Deathmetaller spielt.

Link: Offizielle Homepage des Films (japanisch).

Hells Angels

Dieser Zeichentrickfilm nach einem Comic von HIROMOTO Shin’ichi war mein absoluter Favorit im diesjährigen Programm und ich werde ihm daher später noch einen längeren, eigenen Artikel widmen. Anders als bei 20th Century Boys und DMC kannte ich die Vorlage diesmal nicht und konnte nicht ahnen, was für ein Meisterwerk mich erwartete. Beim Publikum kam der Film erwartungsgemäß wohl nicht ganz so gut an, zu eigensinnig war der Erzählstil, zu esoterisch die zitierten Motive, zu anstrengend die Botschaft. Regie führte YAMAKAWA Yoshinobu, die Figurengestaltung übernahm NAKAZAWA Kazuto, der auch eine Episode zu Genius Party Beyond beigesteuert hatte.

Non-ko (Non-ko 36-sai kaji tetsudai)

Nach einer gescheiterten Schauspielkarriere kehrt die 36-jährige Nobuko (Spitzname Non-ko) zurück ins ländliche Heim ihrer Eltern und hilft dort wenig begeistert im Haus und im Schrein der Familie. Der Straßenhändler Masaru, der wegen eines Schreinfestivals in die Stadt gekommen ist, aber wegen mangelnder (!) Yakuza-Kontakte wenig Chancen auf einen Stand dort hat, kann lediglich auf Unterstützung Nobukos hoffen. Und Nobuko wird plötzlich ein Comeback in Aussicht gestellt. Am Ende stehen enttäuschte Hoffungen und Frustration, die sich in Gewalt entlädt.

Regisseur KUMAKIRI Kazuyoshi war anwesend und erklärte im an den Film anschließenden Q&A z. B., warum er mit Hauptdarstellerin SAKAI Maki einen Film drehen wollte und wie er die Rolle der Non-ko für sie entwickelt hat, und wie er seinen neuen Film im Vergleich zu seinen älteren Werken wie Kichiku, der 1998 auf der Berlinale einen Skandal auslöste, einordnet.

Link: Offizielle Homepage des Films (japanisch).

The Two in Tracksuits (Jāji no futari)

Die brütende Hitze Tōkyōs treibt Vater und Sohn in die Provinz. Sie verbringen den Sommer in einem abgelegenen Ferienwohnsitz in den Wäldern, wo es fast schon zu kühl ist. Daher tragen sie die ganze Zeit wenig modische Trainingsanzüge, Restbestände von umliegenden Grundschulen. Skurrile Ideen und geschickt entwickelte Running Gags auf der einen, interessante und trotz aller Übertreibung authentische Figuren auf der anderen Seite, NAKAMURA Yoshihiros Verfilmung eines Romans von NAGASHIMA Yūs weiß zu überzeugen. Letztes Jahr war er mit The Foreign Duck, the Native Duck and God in a Coin Locker sogar zweiter in der Gunst des Publikums, dieses Jahr war die Konkurrenz jedoch zu groß.

Link: Offizielle Homepage des Films (japanisch).

Parting Present (Omiyage / Mofuku no mibōjin – hoshii no…)

Der Grund, warum jedes Jahr mindestens ein, dieses Jahr sogar zwei Pink-Filme im Rahmen des Nippon Cinema Programms und zusätzlich noch eine Retrospektive über dieses Genre gezeigt wurden, liegt darin, dass in Japan die Regisseure dieser Sexfilme sehr viel Freiheiten haben, um die Sexszenen herum ungewöhnliche Geschichten zu erzählen. Dieser Vertreter vom Altmeister des Genres, WATANABE Mamoru (bei der Vorführung anwesend), ist dafür aber kein wirklich gutes Beispiel. Kaum unterscheidet er sich von hiesigen Sexfilmen und konzentriert sich mehr auf die Essenz der Filme als auf die Handlung. Zwar genügt diese als Aufhänger für die ansprechend umgesetzten Erotikszenen, doch anders als in den Vorjahren konnten die Pink-Filme mit den anderen Filmen diesmal qualitativ nicht mithalten (das gilt natürlich nur fürs Nippon Cinema, die im Nippon Retro parallel gezeigten Filme konnte ich nicht sehen).

Überblick Nippon Connection 2009

Nippon Connection 2009 – 3. Tag

Montag, 20. April, 2009

Der Freitag war deutlich trüber und kühler als die Tage davor, was von der Festivalleitung durchaus begrüßt wurde, da das schöne Wetter dem Kinoprogramm nun keine Konkurrenz mehr machte. Trotz des an den beiden Vortagen schon hohen Niveaus konnte sich das Programm nochmal steigern, sowohl qualitativ wie auch quantitativ. Beginnend mit der 12 Uhr-Vorstellung wurden fünf Filme aus dem Jahr an diesem Tag gezeigt.

Genius Party Beyond

Diese Fortsetzung der am Mittwoch gezeigten Animationskurzfilmsammlung enthält fünf Episoden, die eigentlich schon im Original hätten enthalten sein sollen, bis zu dessen Veröffentlichung aber nicht mehr fertiggestellt werden konnten. Die längere Produktionszeit sieht man dem Film an, er ist noch mal ein ganzes Stück besser als der fantastische Vorgänger. Besonders gefallen hat mir die Episode MOON DRIVE von Regisseur und Figurengestalter NAKAZAWA Kazuto. Der Regisseur der Episode Tōjin Kit, TANAKA Tatsuyuki, war anwesend und beantwortete nach den Vorführungen der beiden Genius Party-Filme die Fragen des Publikums.

Link: Offizielle Homepage des Produktionsstudios 4°C (englisch).

Ōsaka Hamlet

Die Brüder Yukio, Masashi und Hasanori könnten unterschiedlicher nicht sein, doch eines haben sie gemeinsam: Nach dem unerwarteten Tod ihres Vaters sind sie alle sehr sexuell verwirrt. Der Furyō-Schläger Yukio wird von seinem Lehrer mit Hamlet verglichen, was ihm nach hart erarbeiteter Lektüre dieses Stücks bitter aufstößt und ihn seine Mutter in einen ganz neuen Licht sehen lässt. Sein älterer Bruder Masashi beginnt eine Beziehung mit einer älteren Studentin, die den Mittelschüler wegen seines Äußeren für einen Studienanfänger hält und ihren Elektrakomplex an ihm auslebt. Und sein jüngster Bruder Hasanori erkennt, dass er viel lieber ein Mädchen wäre.

Regisseur MITSUISHI Fujirōs Verfilmung von MORISHITA Hiromis Comicvorlage ist eine großartige Komödie und war verdient Platz 2 in der Gunst um den Publikumspreis.

Link: Offizielle Homepage des Films (japanisch).

The Kiss (Seppun)

Die Geschichte einer ungewöhnlichen Liebesbeziehung zwischen einem grausamen Mörder, SAKAGUCHI, der seine Tat und selbst herbeigeführte Verhaftung offenbar zu seiner eigenen Belustigung inszeniert hat und der jungen Kyōko, die es leid ist, ausgenutzt und ignoriert zu werden, und in dem Mörder eine verwandte Seele erkennt, die sich getraut hat, ihrer Frustration Ausdruck zu verleihen. Der Pflichtverteidiger SAKAGUCHIs fungiert zunächst als Vermittler, weil er sich durch Kyōko Zugang zu dem verschlossenen SAKAGUCHI erhofft, muss dann aber zusehen, wie die Situation immer ungesundere Ausmaße annimmt.

Regisseur MANDA Kunitoshi zeichnet die selbstzerstörerische Psyche seiner Figuren sehr überzeugend, eindringlich und für den Zuschauer verstörend.

Link: Offizielle Homepage des Films (japanisch).

GS Wonderland

Die Beatles-Welle schwappt in den 60-er Jahren auch nach Japan und löst einen Boom des sogenannten Group Sounds aus. Jeder will mit einer solchen Band groß rauskommen, träumende junge Männer genauso wie die Plattenfirmen. Für die junge Miku (gespielt von KURIYAMA Chiaki) scheint in dieser Musiklandschaft kein Platz zu sein, doch dann erhält sie eine Chance als vierter „Mann“ in einer GS-Band.

Regisseur HONDA Ryūichi setzt seiner Liebe zu der Musik der 60-er Jahre hiermit ein filmisches Denkmal. Die Figuren, Situationen und fiktiven Bands des Films sind so überzogen und brüllend komisch, dass man seinen Anspruch, ein realistisches Bild der Zeit zu zeichnen, zuerst nicht glauben will, aber die tatsächlichen damaligen Bands waren nicht weniger skurril und legen den Verdacht nah, dass die Satire ziemlich ins Schwarze trifft. Der Film sowie der zu seiner Präsentation anwesende Regisseur kamen beim Publikum auch sehr gut an, dem überschwänglichen Applaus nach hatte ich ihm sogar gute Chancen beim Publikumspreis zugetraut, aber es fanden sich dann wohl doch andere Favoriten.

Link: Offizielle Homepage des Films (japanisch).

Yariman (Bara/Ya.ri.ma.n.)

Der letzte Film am Freitag-Abend war wie jedes Jahr wieder ein sogenannter Pink-Film, was das japanische Wort für Softsexfilme ist. Die Regisseure dieser Filme haben, was die Narrative angeht, sehr viele Freiheiten, solange sie nur genug Sexszenen darin unterbringen. In den vergangenen Jahren wurden sehr experimentierfreudige Vertreter des Genres gezeigt, die sowohl durch ihre ungewöhnlichen Plots wie auch durch die manchmal komischen (absichtlich, nicht unfreiwillig), aber trotzdem erotischen Sexsinszenierungen überzeugten.

SAKAMOTO Reis Film behandelt Themen wie Tod und Promiskuität und kommt mit erstaunlich wenigen (und kurzen) Sexszenen aus und konzentriert sich mehr auf die Handlung. Hier offenbaren sich auch Limitationen des Genres, Budget und schauspielerische Leistungen genügen der ernsten Inszenierung nicht immer, mich zumindest hatten die weniger ernsten Filme der letzten Jahre mehr überzeugt. SAKAMOTO war ebenfalls anwesend und beantwortete nach dem Film die Fragen des Publikums.

Überblick Nippon Connection 2009

Nippon Connection 2009 – 2. Tag

Samstag, 18. April, 2009

Auch am Donnerstag habe ich mir wieder alle Filme angesehen, die im Rahmen des Nippon Cinema Programms gezeigt wurden. Das Festival hat mit Videoproduktionen (Nippon Digital), Retrospektiven (Nippon Retro, dieses Jahr über Pink-Filme) und kulturellem Rahmenprogramm (Nippon Culture) natürlich noch viel mehr zu bieten, aber ich konzentriere mich für gewöhnlich auf die Kinoproduktionen. Nippon Cinema zeigt aktuelle Filme, selten älter als ein Jahr und alle Filme, die ich im folgenden beschreibe, stammen aus dem Jahr 2008.

Vacation (Kyūka)

Schauplatz dieses Dramas von KADOI Hajime ist der Todestrakt einer japanischen Strafanstalt, dessen Alltag am Beispiel eines Häftlings und seiner Wärter dargestellt wird. Das Verbrechen, für das der Insasse KANEDA zum Tode verurteilt wurde, wird im Film nicht offen benannt, eine kurze Halluzinationsszene in seiner Zelle und der Besuch seiner jüngeren Schwester geben dem Zuschauer aber recht klare Hinweise. Hauptfigur ist jedoch einer der Wärter, HIRAI, der bald die alleinerziehende Mika heiraten wird, die einen Sohn im frühen Grundschulalter mit in die Ehe bringt. Die Darstellung der Entwicklung seiner Beziehung zu seiner neuen Familie ergänzt den Film um Szenen außerhalb des abgegrenzten Gefängniskosmoses.

Den Wärtern, die bei der unausweichlichen Vollstreckung des Urteils teilnehmen, wird Sonderurlaub von bis zu einer Woche gewährt, was für den traumatisierenden Effekt dieser Aufgabe entschädigen soll. Der Film hält sich mit Wertungen zurück und zeigt einfach nur, wie schwer die Situation sowohl für den Täter wie auch für die Vollstrecker seiner Strafe ist. Es bleibt also dem Zuschauer überlassen, die Frage nach richtig und falsch zu stellen. Letztlich bestätigt der Film die Institution Todesstrafe, ohne sie aber zu rechtfertigen. Vielmehr zeigt er, wie sich Menschen mit Gegebenheiten arrangieren (können).

Link: Offizielle Homepage des Films (japanisch).

20th Century Boys (Ni-jū seiki shōnen)

Wer die Comic-Vorlage von URASAWA Naoki kennt, weiß, was ihn hier erwartet. Regisseur TSUTSUMI Yukihiko ist es gelungen, weit über 1000 Seiten Comic ziemlich originalgetreu in 142 Minuten zu packen. In insgesamt drei Filmen (von denen der erste auf der gezeigt wurde) deckt er 22 Bände (plus die beiden der Fortsetzung) von je etwa 200 Seiten ab. Das Ergebnis kann sich sehen lassen, das Budget von 6 Milliarden Yen (etwa 46 Millionen Euro) hat sich definitiv ausgezahlt.

Kenji und seine Freunde aus Kindheitstagen sind ganz gewöhnliche Erwachsene, die mit einer außergewöhnlichen Aufgabe konfrontiert sind. Ähnlich wie Alan Moores Watchmen wirft 20th Century Boys die Frage auf, was passieren würde, wenn jemand Comicheldenfantasien in die Tat umsetzen würde. In zeitlich ständig wechselnder Perspektive wird spannend rekonstruiert, wie die Protagonisten sich als Kinder zunächst ausmalen, dass ein böser Schurke zum Ende des 20. Jahrhunderts die Menschheit auslöschen wird und wie dieses Schreckensszenario schließlich von einem maskierten Sektenführer in der Gegenwart in die Tat umgesetzt wird, in all seinen lächerlichen, aus kindischen Comicfantasien entsprungenen Details. Kenji und seine Freunde müssen die Rolle der weltrettenden Helden ausfüllen, werden von dem Schurken, der nur unter dem Namen Freund bekannt ist, in den Augen der Welt aber als böse Terroristen dargestellt.

URASAWAs Kommentar zum Wandel in der japanischen Comiclandschaft und deren zunehmende fizierung fällt deutlich konservativer aus als der von SATOMI Tadashi, dessen Spiel Persona 2 Innocent Sin im selben Jahr (1999) wie der erste Band von 20th Century Boys erschien, und zu dem Film wie Comic deutliche Parallelen aufweisen. Man muss mit URASAWAs Aussage nicht übereinstimmen, aber das hohe erzählerische Niveau und die Bedeutung des Werkes im Kontext japanischer Comicgeschichte sprechen für sich.

Link: Offizielle Homepage des Films (japanisch).

Still Walking (Aruite mo aruite mo)

Filme über Familientreffen sind so zahlreich, sie stellen praktisch ein eigenes Untergenre des Drama. Dieser Vertreter unterscheidet sich jedoch schon durch den Anlass von ähnlichen Filmen aus dem Westen. Kein Feiertag, sondern der Todestag des ältesten Sohnes führt die Familie YOKOYAMA zusammen. Junpei hätte in die Fußstapfen seines Vaters treten und dessen Arztpraxis übernehmen sollen, ist aber vor 15 Jahren bei einem tragischen Unfall ums Leben gekommen. Sein mittlerweile 40 Jahre alter Bruder Ryōta weigerte sich, an seine Stelle zu treten und ging eigene Wege. Er und seine ältere Schwester besuchen am Todestag ihres Bruders mit ihren Familien das Haus ihrer Eltern.

Mit witzigen, aber authentischen Dialogen, psychologisch überzeugenden Charakteren und leisen Konflikten zwischen den Generationen zeichnet Regisseur KORE-EDA Hirokazu ein differenziertes Bild einer japanischen Familie im neuen Jahrtausend. Er muss keine Extreme bemühen, um Probleme zu beleuchten.

Link: Offizielle Homepage des Films (japanisch/englisch).

Ichi

Die Geschichte des blinden Schwertkämpfers Zatōichi wurde oft adaptiert, zuletzt sehr modern von KITANO Beat Takeshi. Diese neue Version von Regisseur SORI Fumihiko fällt deutlich orthodoxer aus, variiert den Stoff aber geschickt, indem sie die Hauptfigur diesmal zu einer Schwertkämpferin macht (gespielt von AYASE Haruka). Tatsächlich hat Ichi alles, was ein guter Samurai-Film braucht, lediglich der finale Showdown hätte etwas weniger vorhersehbar sein dürfen.

Rapid Eye Movies wird den Film ab dem 14. Mai deutschlandweit in die Kinos bringen. Zwar reicht er an die KITANO-Version nicht heran, ist für sich aber ein sehr gelungener Genrefilm und gerade wegen seiner othodoxen Umsetzung für einige Fans vielleicht sogar die bessere Wahl.

Link: Offizielle Homepage des Films (japanisch).

Überblick Nippon Connection 2009

Densha Otoko / Train Man

Mittwoch, 24. Dezember, 2008

Densha Otoko ist ein japanischer Blockbuster aus dem Jahr 2005 und erzählt die „wahre Liebesgeschichte“ einer schönen Frau und eines . Dieser ist 22 Jahre alt, hatte sein ganzes Leben noch keine Freundin, ist Anime und Videospiele-Otaku und verbringt viel seiner Zeit im Tokioter Elektronikviertel Akihabara. Eines Tages hilft er, halb aus Zivilcourage, halb zufällig, einer jungen Frau, die im Zug von einem betrunkenen Mann mittleren Alters belästigt wird. Nachdem sie gemeinsam bei der Polizei ihre Zeugenaussagen abgegeben haben, fragt ihn die Frau nach seiner Adresse, weil sie sich bei ihm bedanken will. Wenige Tage später erhält er ein Paket von ihr mit einer hochwertige Tasse der Marke Hermes und ihrer Telefonnummer.

Unser Held ist außerdem ein 2 Channeller, das heißt er schreibt Beiträge auf der größten japanischen Internet-Message-Board-Seite namens 2ch (lies Ni Channel, also auf Deutsch in etwa Kanal 2). Dort berichtet er von seinem Erlebnis im Zug und fragt die „Einwohner“ (jap. „jūmin“, engl. „Regulars“) des Unterboards (oder „Threads“), wo er „postet“, wie er auf das Geschenk reagieren soll. Angespornt von deren Zuspruch fasst er den Mut, sie anzurufen, um sich für das teure Geschenk mit einer Einladung zum Essen zu bedanken. Die Frau, die von den anderen 2 Channellern kurzerhand nach der Marke der geschenkten Tasse „Hermes“ getauft wird, nimmt die Einladung an, und der Otaku, der von da an als „Densha Otoko“ (Train Man) bekannt ist, unterzieht sich beraten von den anderen 2 Channellern einer Generalüberholung, um für das Essen gut auszusehen.

Das besondere an dieser Geschichte ist, dass sie auf tatsächlichen Beiträgen von der 2ch-Seite aus dem Jahr 2004 basiert. Die Threads über seine Erlebnisse wurden zunächst in Buchform gesammelt und danach als Film, TV-Serie und Comics weiter vermarktet, mit immensem Erfolg. Das im Film vorkommende Message-Board wird zwar nie offen als 2ch bezeichnet, doch weisen das Webdesign, die verwendeten Internetausdrücke, die dort ihren Ursprung haben, und die typischen ASCII-Arts offensichtlich auf diese Seite hin. In gewisser Weise kann man Densha Otoko als 2ch – Der Film bezeichnen. Er setzt der Internetsubkultur dieser Seite quasi ein filmisches Denkmal.

Das besondere an 2ch-Boards im Vergleich zu westlichen Internetforen ist, dass sie noch viel anonymer sind als bei uns. Eine Anmeldung ist für das Schreiben von Beiträgen weder erforderlich noch möglich. Verfassernamen sind völlig optional, wer keinen Namen angibt, bekommt je nach Board eine Variante des Wortes „nanashi“ (auf deutsch: ohne Namen, anonym) zugewiesen. Auf dem Board aus dem Film lautet dieser „Mr. Nanashi-san“ (eine beabsichtigte Tautologie). Der Densha Otoko ist auch der einzige, der im Film unter einem festen Namen Beiträge schreibt, die anderen Einwohner sind für ihn nur an ihren Sprachstilen zu unterscheiden, wobei der Zuschauer aber sehen kann, wer welchen Beitrag schreibt. Mit Rat und Tat stehen ihm die drei Militär-Otaku Yoshiga, Tamura und Mutō, der Salaryman Hisashi, die Hausfrau Michiko, der Hikikomori Hirofumi und die Krankenpflegerin Rika zur Seite.

Der Film zeichnet die sich entwickelnde Beziehung von Densha Otoko und Hermes, die Hürden, die er mithilfe seiner 2ch-Freunde meistert (selbst während der Verabredungen liest er ihre Kommentare auf seinem internetfähigem Handy) und den Wandel seines Aussehens, seines Verhaltens und der Art, wie seine Umwelt auf ihn reagiert. Natürlich läuft nicht alles glatt, aber am Ende ist sein Erfolg auch für die anderen 2 Channeller ein Hoffnungsspender, der sie dazu ermutigt, ihr Leben ebenfalls zu ändern.

2ch hatte lange Zeit keinen besonders guten Ruf. Zwar deckt die Seite mit ihren Hunderten von Boards zahlreiche Rubriken wie Nachrichten, Gesellschaft, Beruf, Kultur, Studium, Elektronik, Essen, Alltagsleben, Hobby, Sport, Reisen, TV, Kunst, Glücksspiel, Videospiele, Comics, Musik, Gesundheit, PC, Internet, Erotik, Lokalinfos, uvm. ab und hat dementsprechend viele Nutzer, doch sind die großgeschriebene Anonymität und das resultierende große Maß an Meinungsfreiheit vielen suspekt, und nicht jeder Nutzer gibt gerne zu, dort Beiträge zu verfassen oder auch nur die Seite zu lesen. Der Erfolg von Densha Otoko rückte sowohl 2ch wie auch die Otaku, die die Seite ebenfalls als Informationsplattform nutzen, in ein positiveres Licht und machte sogar das Wort Moe salonfähig, mit dem männliche und weibliche Otaku ihre Gefühle für Comicfiguren ausdrücken.

Otaku lastet das Stigma an, sozial nicht kompetent und im schlimmsten Fall pädophil zu sein. Der Film gesteht soziale Unbeholfenheit zu, räumt aber den Pädophilie-Vorwurf aus. In einer Szene ist ein junges Mädchen im Zug eingenickt und lehnt ihren Kopf an die Schulter des Densha Otokos, was ihm sichtlich unangenehm ist. Er versucht eine am Boden liegende Fahrkarte, die anscheinend dem Mädchen gehört, aufzuheben und ihr zu geben, ohne sie dabei aufzuwecken. Diese Szene spielt auf den ewigen stillen Verdacht an, mit dem sich Otaku konfrontiert sehen, der sich aber nicht bestätigt. Und wie selbstverständlich verwendet einer der Militär-Otaku das Wort Moe, das meist für unbedrohliche kleine Mädchen (oder auch androgyne Jungen) aus Zeichentrickfilmen reserviert ist, um seine Begeisterung für die erwachsene Hermes auszudrücken. Moe wurde daraufhin zu einem regelrechten Modewort und für alle möglichen Dinge benutzt.

Nach seiner japanischen Kinoaufführung am 04.06.2005 wurde der Film auch auf internationalen Festivals wie der 2006 englisch untertitelt gezeigt. Eine japanische DVD kam am 09.12.2005 auf den Markt, die US-Fassung Train Man erschien ein Jahr später am 22.09.2006. Die verschiedenen Densha Otoko-Comics wurden teilweise ebenfalls unter dem Titel Train Man ins Englische und Deutsche übersetzt, ebenso wie das Buch, in dem die originalen Internetbeiträge gesammelt sind.

Aoi Haru / Blue Spring

Sonntag, 10. Februar, 2008

Aoi Haru (zu deutsch: Blauer Frühling) ist eine Sammlung von Kurzgeschichten vom japanischen Comiczeichner über sogenannte , halbstarke Tunichtgute, die sich gerne prügeln. Der Titel des Comics ist ein Wortspiel: das japanische Wort für Jugend setzt sich nämlich zusammen aus den sino-japanischen Zeichen für Blau und Frühling. Warum aber Blau und nicht Grün? Des Rätsels Lösung: das japanische Wort für Blau schließt den Farbton Grün mit ein.

Aufmerksam wurde ich auf diesen Comic über die Verfilmung von , die 2002 unter dem Titel Blue Spring auf der gezeigt wurde. TOYODA verbindet Motive und Figuren einiger der Kurzgeschichten und erzählt so eine Geschichte in Spielfilmlänge. Ebenfalls unter dem Titel Blue Spring ist die englische Übersetzung von Aoi Haru erschienen.

Das Hauptmotiv und die Protagonisten des Films sind der ersten Kurzgeschichte entnommen, Shiawase nara te wo tatakō (auf deutsch: Wenn du glücklich bist, klatsch in die Hände). KUJŌ und AOKI sind Freunde und regieren über ihre Schule. Dieses Recht erlangen sie durch eine ziemlich gefährliche Mutprobe: Sie halten sich an der Außenseite eines Geländers auf dem Dach der Schule fest, lassen los, klatschen so oft wie möglich in die Hände, bevor sie wieder nach dem Geländer greifen, um nicht herunterzustürzen.

Die anderen Kurzgeschichten handeln von zufällig gefundenen Revolvern, Mahjong, Baseball, Yakuza, die die jugendlichen Furyō anwerben wollen, Messerstechereien, Randale im Family-Restaurant und einer Hetzjagd. Sex und Masturbation sind außerdem Motive, die in den Kurzgeschichten immer wiederkehren. Diese fehlen im Film aber völlig, stattdessen wird ausgiebig die Gewalttätigkeit der Furyō dargestellt, ein Element, das wiederum im Comic nicht ganz so stark ist.

Gespielt werden KUJŌ und AOKI von und ARAI Hirofumi. Der Film wurde 2001 gedreht und ist in Amerika auf DVD erschienen. Der Comic wurde bereits 1993 veröffentlicht, die englische Übersetzung erst 2004. Beide sind sehr empfehlenswert, wenn man sich für japanische Jugendkultur bzw. ihre sozialen Außenseiter interessiert.