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Artikel mit dem Stichwort ‘Film’

Nippon Connection 2009 – 3. Tag

Montag, 20. April, 2009

Der Freitag war deutlich trüber und kühler als die Tage davor, was von der Festivalleitung durchaus begrüßt wurde, da das schöne Wetter dem Kinoprogramm nun keine Konkurrenz mehr machte. Trotz des an den beiden Vortagen schon hohen Niveaus konnte sich das Programm nochmal steigern, sowohl qualitativ wie auch quantitativ. Beginnend mit der 12 Uhr-Vorstellung wurden fünf Filme aus dem Jahr an diesem Tag gezeigt.

Genius Party Beyond

Diese Fortsetzung der am Mittwoch gezeigten Animationskurzfilmsammlung enthält fünf Episoden, die eigentlich schon im Original hätten enthalten sein sollen, bis zu dessen Veröffentlichung aber nicht mehr fertiggestellt werden konnten. Die längere Produktionszeit sieht man dem Film an, er ist noch mal ein ganzes Stück besser als der fantastische Vorgänger. Besonders gefallen hat mir die Episode MOON DRIVE von Regisseur und Figurengestalter NAKAZAWA Kazuto. Der Regisseur der Episode Tōjin Kit, TANAKA Tatsuyuki, war anwesend und beantwortete nach den Vorführungen der beiden Genius Party-Filme die Fragen des Publikums.

Link: Offizielle Homepage des Produktionsstudios 4°C (englisch).

Ōsaka Hamlet

Die Brüder Yukio, Masashi und Hasanori könnten unterschiedlicher nicht sein, doch eines haben sie gemeinsam: Nach dem unerwarteten Tod ihres Vaters sind sie alle sehr sexuell verwirrt. Der Furyō-Schläger Yukio wird von seinem Lehrer mit Hamlet verglichen, was ihm nach hart erarbeiteter Lektüre dieses Stücks bitter aufstößt und ihn seine Mutter in einen ganz neuen Licht sehen lässt. Sein älterer Bruder Masashi beginnt eine Beziehung mit einer älteren Studentin, die den Mittelschüler wegen seines Äußeren für einen Studienanfänger hält und ihren Elektrakomplex an ihm auslebt. Und sein jüngster Bruder Hasanori erkennt, dass er viel lieber ein Mädchen wäre.

Regisseur MITSUISHI Fujirōs Verfilmung von MORISHITA Hiromis Comicvorlage ist eine großartige Komödie und war verdient Platz 2 in der Gunst um den Publikumspreis.

Link: Offizielle Homepage des Films (japanisch).

The Kiss (Seppun)

Die Geschichte einer ungewöhnlichen Liebesbeziehung zwischen einem grausamen Mörder, SAKAGUCHI, der seine Tat und selbst herbeigeführte Verhaftung offenbar zu seiner eigenen Belustigung inszeniert hat und der jungen Kyōko, die es leid ist, ausgenutzt und ignoriert zu werden, und in dem Mörder eine verwandte Seele erkennt, die sich getraut hat, ihrer Frustration Ausdruck zu verleihen. Der Pflichtverteidiger SAKAGUCHIs fungiert zunächst als Vermittler, weil er sich durch Kyōko Zugang zu dem verschlossenen SAKAGUCHI erhofft, muss dann aber zusehen, wie die Situation immer ungesundere Ausmaße annimmt.

Regisseur MANDA Kunitoshi zeichnet die selbstzerstörerische Psyche seiner Figuren sehr überzeugend, eindringlich und für den Zuschauer verstörend.

Link: Offizielle Homepage des Films (japanisch).

GS Wonderland

Die Beatles-Welle schwappt in den 60-er Jahren auch nach Japan und löst einen Boom des sogenannten Group Sounds aus. Jeder will mit einer solchen Band groß rauskommen, träumende junge Männer genauso wie die Plattenfirmen. Für die junge Miku (gespielt von KURIYAMA Chiaki) scheint in dieser Musiklandschaft kein Platz zu sein, doch dann erhält sie eine Chance als vierter „Mann“ in einer GS-Band.

Regisseur HONDA Ryūichi setzt seiner Liebe zu der Musik der 60-er Jahre hiermit ein filmisches Denkmal. Die Figuren, Situationen und fiktiven Bands des Films sind so überzogen und brüllend komisch, dass man seinen Anspruch, ein realistisches Bild der Zeit zu zeichnen, zuerst nicht glauben will, aber die tatsächlichen damaligen Bands waren nicht weniger skurril und legen den Verdacht nah, dass die Satire ziemlich ins Schwarze trifft. Der Film sowie der zu seiner Präsentation anwesende Regisseur kamen beim Publikum auch sehr gut an, dem überschwänglichen Applaus nach hatte ich ihm sogar gute Chancen beim Publikumspreis zugetraut, aber es fanden sich dann wohl doch andere Favoriten.

Link: Offizielle Homepage des Films (japanisch).

Yariman (Bara/Ya.ri.ma.n.)

Der letzte Film am Freitag-Abend war wie jedes Jahr wieder ein sogenannter Pink-Film, was das japanische Wort für Softsexfilme ist. Die Regisseure dieser Filme haben, was die Narrative angeht, sehr viele Freiheiten, solange sie nur genug Sexszenen darin unterbringen. In den vergangenen Jahren wurden sehr experimentierfreudige Vertreter des Genres gezeigt, die sowohl durch ihre ungewöhnlichen Plots wie auch durch die manchmal komischen (absichtlich, nicht unfreiwillig), aber trotzdem erotischen Sexsinszenierungen überzeugten.

SAKAMOTO Reis Film behandelt Themen wie Tod und Promiskuität und kommt mit erstaunlich wenigen (und kurzen) Sexszenen aus und konzentriert sich mehr auf die Handlung. Hier offenbaren sich auch Limitationen des Genres, Budget und schauspielerische Leistungen genügen der ernsten Inszenierung nicht immer, mich zumindest hatten die weniger ernsten Filme der letzten Jahre mehr überzeugt. SAKAMOTO war ebenfalls anwesend und beantwortete nach dem Film die Fragen des Publikums.

Überblick Nippon Connection 2009

Nippon Connection 2009 – 2. Tag

Samstag, 18. April, 2009

Auch am Donnerstag habe ich mir wieder alle Filme angesehen, die im Rahmen des Nippon Cinema Programms gezeigt wurden. Das Festival hat mit Videoproduktionen (Nippon Digital), Retrospektiven (Nippon Retro, dieses Jahr über Pink-Filme) und kulturellem Rahmenprogramm (Nippon Culture) natürlich noch viel mehr zu bieten, aber ich konzentriere mich für gewöhnlich auf die Kinoproduktionen. Nippon Cinema zeigt aktuelle Filme, selten älter als ein Jahr und alle Filme, die ich im folgenden beschreibe, stammen aus dem Jahr 2008.

Vacation (Kyūka)

Schauplatz dieses Dramas von KADOI Hajime ist der Todestrakt einer japanischen Strafanstalt, dessen Alltag am Beispiel eines Häftlings und seiner Wärter dargestellt wird. Das Verbrechen, für das der Insasse KANEDA zum Tode verurteilt wurde, wird im Film nicht offen benannt, eine kurze Halluzinationsszene in seiner Zelle und der Besuch seiner jüngeren Schwester geben dem Zuschauer aber recht klare Hinweise. Hauptfigur ist jedoch einer der Wärter, HIRAI, der bald die alleinerziehende Mika heiraten wird, die einen Sohn im frühen Grundschulalter mit in die Ehe bringt. Die Darstellung der Entwicklung seiner Beziehung zu seiner neuen Familie ergänzt den Film um Szenen außerhalb des abgegrenzten Gefängniskosmoses.

Den Wärtern, die bei der unausweichlichen Vollstreckung des Urteils teilnehmen, wird Sonderurlaub von bis zu einer Woche gewährt, was für den traumatisierenden Effekt dieser Aufgabe entschädigen soll. Der Film hält sich mit Wertungen zurück und zeigt einfach nur, wie schwer die Situation sowohl für den Täter wie auch für die Vollstrecker seiner Strafe ist. Es bleibt also dem Zuschauer überlassen, die Frage nach richtig und falsch zu stellen. Letztlich bestätigt der Film die Institution Todesstrafe, ohne sie aber zu rechtfertigen. Vielmehr zeigt er, wie sich Menschen mit Gegebenheiten arrangieren (können).

Link: Offizielle Homepage des Films (japanisch).

20th Century Boys (Ni-jū seiki shōnen)

Wer die Comic-Vorlage von URASAWA Naoki kennt, weiß, was ihn hier erwartet. Regisseur TSUTSUMI Yukihiko ist es gelungen, weit über 1000 Seiten Comic ziemlich originalgetreu in 142 Minuten zu packen. In insgesamt drei Filmen (von denen der erste auf der gezeigt wurde) deckt er 22 Bände (plus die beiden der Fortsetzung) von je etwa 200 Seiten ab. Das Ergebnis kann sich sehen lassen, das Budget von 6 Milliarden Yen (etwa 46 Millionen Euro) hat sich definitiv ausgezahlt.

Kenji und seine Freunde aus Kindheitstagen sind ganz gewöhnliche Erwachsene, die mit einer außergewöhnlichen Aufgabe konfrontiert sind. Ähnlich wie Alan Moores Watchmen wirft 20th Century Boys die Frage auf, was passieren würde, wenn jemand Comicheldenfantasien in die Tat umsetzen würde. In zeitlich ständig wechselnder Perspektive wird spannend rekonstruiert, wie die Protagonisten sich als Kinder zunächst ausmalen, dass ein böser Schurke zum Ende des 20. Jahrhunderts die Menschheit auslöschen wird und wie dieses Schreckensszenario schließlich von einem maskierten Sektenführer in der Gegenwart in die Tat umgesetzt wird, in all seinen lächerlichen, aus kindischen Comicfantasien entsprungenen Details. Kenji und seine Freunde müssen die Rolle der weltrettenden Helden ausfüllen, werden von dem Schurken, der nur unter dem Namen Freund bekannt ist, in den Augen der Welt aber als böse Terroristen dargestellt.

URASAWAs Kommentar zum Wandel in der japanischen Comiclandschaft und deren zunehmende fizierung fällt deutlich konservativer aus als der von SATOMI Tadashi, dessen Spiel Persona 2 Innocent Sin im selben Jahr (1999) wie der erste Band von 20th Century Boys erschien, und zu dem Film wie Comic deutliche Parallelen aufweisen. Man muss mit URASAWAs Aussage nicht übereinstimmen, aber das hohe erzählerische Niveau und die Bedeutung des Werkes im Kontext japanischer Comicgeschichte sprechen für sich.

Link: Offizielle Homepage des Films (japanisch).

Still Walking (Aruite mo aruite mo)

Filme über Familientreffen sind so zahlreich, sie stellen praktisch ein eigenes Untergenre des Drama. Dieser Vertreter unterscheidet sich jedoch schon durch den Anlass von ähnlichen Filmen aus dem Westen. Kein Feiertag, sondern der Todestag des ältesten Sohnes führt die Familie YOKOYAMA zusammen. Junpei hätte in die Fußstapfen seines Vaters treten und dessen Arztpraxis übernehmen sollen, ist aber vor 15 Jahren bei einem tragischen Unfall ums Leben gekommen. Sein mittlerweile 40 Jahre alter Bruder Ryōta weigerte sich, an seine Stelle zu treten und ging eigene Wege. Er und seine ältere Schwester besuchen am Todestag ihres Bruders mit ihren Familien das Haus ihrer Eltern.

Mit witzigen, aber authentischen Dialogen, psychologisch überzeugenden Charakteren und leisen Konflikten zwischen den Generationen zeichnet Regisseur KORE-EDA Hirokazu ein differenziertes Bild einer japanischen Familie im neuen Jahrtausend. Er muss keine Extreme bemühen, um Probleme zu beleuchten.

Link: Offizielle Homepage des Films (japanisch/englisch).

Ichi

Die Geschichte des blinden Schwertkämpfers Zatōichi wurde oft adaptiert, zuletzt sehr modern von KITANO Beat Takeshi. Diese neue Version von Regisseur SORI Fumihiko fällt deutlich orthodoxer aus, variiert den Stoff aber geschickt, indem sie die Hauptfigur diesmal zu einer Schwertkämpferin macht (gespielt von AYASE Haruka). Tatsächlich hat Ichi alles, was ein guter Samurai-Film braucht, lediglich der finale Showdown hätte etwas weniger vorhersehbar sein dürfen.

Rapid Eye Movies wird den Film ab dem 14. Mai deutschlandweit in die Kinos bringen. Zwar reicht er an die KITANO-Version nicht heran, ist für sich aber ein sehr gelungener Genrefilm und gerade wegen seiner othodoxen Umsetzung für einige Fans vielleicht sogar die bessere Wahl.

Link: Offizielle Homepage des Films (japanisch).

Überblick Nippon Connection 2009

Nippon Connection 2009 – 1. Tag

Freitag, 17. April, 2009

Auch dieses Jahr findet in der Woche nach Ostern wieder das japanische Filmfestival in Frankfurt statt. Die 9. legte am Mittwoch einen exzellenten Start hin und macht jetzt schon einen noch besseren Eindruck als das letztjährige Festival, das ebenfalls zu überzeugen wusste. Besonders loben möchte ich auch die Organisation, die dieses Jahr bisher sehr viel reibungsloser ausfiel als im letzten, wenn auch die offenbar obligatorischen technischen Probleme nicht völlig ausgemerzt werden konnten.

Living in the Box (Performance-Unit MihaRI)

Bevor der für 19:30 angesetzte erste Film starten konnte, mussten sich die Zuschauer etwas in Geduld üben, wie jedes Jahr wurde vorher eine Performance zur Eröffnung spendiert, deren Vorbereitung immer etwas Zeit in Anspruch zu nehmen scheint. Die Performance war diesmal aber besonders sehenswert. Die Kombination der beiden visuellen Komponenten Tanz und Videoinstallation mit der kakaphonischen Hintergrundmusik erzielte einen sehr interessanten Effekt. Auf der Leinwand hinter der Tänzerin waren einzelne ihrer Körperteile (zu Beginn ihr Ohr, später zunächst eine, dann beide Hände) in einem senkrecht aufgestellten, länglichen Kasten eingesperrt. Sowohl die live aufgeführten Bewegungen der in ihrer Gänze zu sehenden Tänzerin wie auch die von Video eingespielten der der Körperteile waren ruckartig dissonant und scheinbar ziellos und wühlten den Zuschauer eher auf als ihn mit glatter Ästhetik einzulullen. In der vollständigen Aufführung, die am Dienstag um 21 Uhr und am Donnerstag um 19 Uhr im Künstlerhaus Mousonturm zu sehen waren, zeigt die Installation laut Programmheft mehrere Boxen und Körperteile gleichzeitig, aber auch die reduzierte Version am Mittwoch war bereits sehr eindrucksvoll.

Tōkyō Sonata

Wie auch letztes Jahr war der Eröffnungsfilm preisgekrönt, diese Koproduktion (Japan/Niederlande/Hongkong) von 2008 erhielt im selben Jahr den Preis der Jury im Un Certain Regard Programm in Cannes. Anders als im letztjährigen Eröffnungsfilm kam diesmal neben dem Anspruch aber auch die Unterhaltung nicht zu kurz. Interessante Figuren, über die man mehr gleich erfahren wollte, und wohldosierter Humor waren dabei die entscheidenden Faktoren.

Ein Vater, der plötzlich arbeitslos wird und dies vor seiner Familie geheimhalten muss, um nicht seiner Autorität als Versorger beraubt zu werden, ein Sohn, der im 6. und letzten Jahr der Grundschule gegen den Willen des Vaters seine Liebe zum Klavierspiel entdeckt, eine Mutter, die sich nach mehr Freiheit sehnt und einem Auto für ihren frischgemachten Führerschein und ein erwachsener Sohn, der seine Erfüllung außerhalb Japans sucht. Die Demontage des Vaters als Patriarchen bis hin zur Lächerlichkeit hat Tradition in den erzählenden Medien Japans, interessanterweise stammt das ursprüngliche Drehbuch zu diesem Film aber von einem Australier, Max Mannix, der seine Inspiration laut der bei der Vorführung anwesenden Produzentin des Films, KITO Yukie, aus der veränderten Situation in Japan nach dem Zusammenbruch der Bubble Economy in den 80-er Jahren bezog. Aber auch im neuen Jahrtausend ist die Story noch immer (bzw. wieder) aktuell. Regisseur KUROSAWA Kiyoshi setzte den Stoff gekonnt um und erweiterte das Drehbuch um ausführlichere Charakterisierung der anderen Figuren außer dem Vater und Sohn, die der Hauptfokus in Mannix Version waren.

Link: Offizielle Homepage des Films (japanisch).

Genius Party

Ein Episodenfilm von 2007 bzw. eine Sammlung von sieben von einander unabhängigen Animationskurzfilmen, die allesamt fantastisch animiert und erzählt sind und mit einer hohen stilistischen Bandbreite sowohl auf visueller wie auch auf thematischer Seite aufwarten. Superheldenparodien, sympathische Zombies, ein Protagonist, der von Doppelgängern seiner Position in der realen Gesellschaft beraubt zu werden droht, eine philosophische Zitatkollage, ein Baby in einer technisierten Umgebung und ein romantischer und gleichzeitig aufregender Schulschwänzausflug, jede der Episoden bietet ein völlig eigenständiges Erlebnis und jede überzeugt.

Der Film hat mit Rapid Eye Movies einen deutschen Vertrieb und soll am 17. Juli in Deutschland auf DVD erscheinen. Am Freitag (heute) läuft außerdem die Fortsetzung Genius Party Beyond.

Link: Offizielle Homepage des Produktionsstudios 4°C (englisch).

Überblick Nippon Connection 2009

Densha Otoko / Train Man

Mittwoch, 24. Dezember, 2008

Densha Otoko ist ein japanischer Blockbuster aus dem Jahr 2005 und erzählt die „wahre Liebesgeschichte“ einer schönen Frau und eines . Dieser ist 22 Jahre alt, hatte sein ganzes Leben noch keine Freundin, ist Anime und Videospiele-Otaku und verbringt viel seiner Zeit im Tokioter Elektronikviertel Akihabara. Eines Tages hilft er, halb aus Zivilcourage, halb zufällig, einer jungen Frau, die im Zug von einem betrunkenen Mann mittleren Alters belästigt wird. Nachdem sie gemeinsam bei der Polizei ihre Zeugenaussagen abgegeben haben, fragt ihn die Frau nach seiner Adresse, weil sie sich bei ihm bedanken will. Wenige Tage später erhält er ein Paket von ihr mit einer hochwertige Tasse der Marke Hermes und ihrer Telefonnummer.

Unser Held ist außerdem ein 2 Channeller, das heißt er schreibt Beiträge auf der größten japanischen Internet-Message-Board-Seite namens 2ch (lies Ni Channel, also auf Deutsch in etwa Kanal 2). Dort berichtet er von seinem Erlebnis im Zug und fragt die „Einwohner“ (jap. „jūmin“, engl. „Regulars“) des Unterboards (oder „Threads“), wo er „postet“, wie er auf das Geschenk reagieren soll. Angespornt von deren Zuspruch fasst er den Mut, sie anzurufen, um sich für das teure Geschenk mit einer Einladung zum Essen zu bedanken. Die Frau, die von den anderen 2 Channellern kurzerhand nach der Marke der geschenkten Tasse „Hermes“ getauft wird, nimmt die Einladung an, und der Otaku, der von da an als „Densha Otoko“ (Train Man) bekannt ist, unterzieht sich beraten von den anderen 2 Channellern einer Generalüberholung, um für das Essen gut auszusehen.

Das besondere an dieser Geschichte ist, dass sie auf tatsächlichen Beiträgen von der 2ch-Seite aus dem Jahr 2004 basiert. Die Threads über seine Erlebnisse wurden zunächst in Buchform gesammelt und danach als Film, TV-Serie und Comics weiter vermarktet, mit immensem Erfolg. Das im Film vorkommende Message-Board wird zwar nie offen als 2ch bezeichnet, doch weisen das Webdesign, die verwendeten Internetausdrücke, die dort ihren Ursprung haben, und die typischen ASCII-Arts offensichtlich auf diese Seite hin. In gewisser Weise kann man Densha Otoko als 2ch – Der Film bezeichnen. Er setzt der Internetsubkultur dieser Seite quasi ein filmisches Denkmal.

Das besondere an 2ch-Boards im Vergleich zu westlichen Internetforen ist, dass sie noch viel anonymer sind als bei uns. Eine Anmeldung ist für das Schreiben von Beiträgen weder erforderlich noch möglich. Verfassernamen sind völlig optional, wer keinen Namen angibt, bekommt je nach Board eine Variante des Wortes „nanashi“ (auf deutsch: ohne Namen, anonym) zugewiesen. Auf dem Board aus dem Film lautet dieser „Mr. Nanashi-san“ (eine beabsichtigte Tautologie). Der Densha Otoko ist auch der einzige, der im Film unter einem festen Namen Beiträge schreibt, die anderen Einwohner sind für ihn nur an ihren Sprachstilen zu unterscheiden, wobei der Zuschauer aber sehen kann, wer welchen Beitrag schreibt. Mit Rat und Tat stehen ihm die drei Militär-Otaku Yoshiga, Tamura und Mutō, der Salaryman Hisashi, die Hausfrau Michiko, der Hikikomori Hirofumi und die Krankenpflegerin Rika zur Seite.

Der Film zeichnet die sich entwickelnde Beziehung von Densha Otoko und Hermes, die Hürden, die er mithilfe seiner 2ch-Freunde meistert (selbst während der Verabredungen liest er ihre Kommentare auf seinem internetfähigem Handy) und den Wandel seines Aussehens, seines Verhaltens und der Art, wie seine Umwelt auf ihn reagiert. Natürlich läuft nicht alles glatt, aber am Ende ist sein Erfolg auch für die anderen 2 Channeller ein Hoffnungsspender, der sie dazu ermutigt, ihr Leben ebenfalls zu ändern.

2ch hatte lange Zeit keinen besonders guten Ruf. Zwar deckt die Seite mit ihren Hunderten von Boards zahlreiche Rubriken wie Nachrichten, Gesellschaft, Beruf, Kultur, Studium, Elektronik, Essen, Alltagsleben, Hobby, Sport, Reisen, TV, Kunst, Glücksspiel, Videospiele, Comics, Musik, Gesundheit, PC, Internet, Erotik, Lokalinfos, uvm. ab und hat dementsprechend viele Nutzer, doch sind die großgeschriebene Anonymität und das resultierende große Maß an Meinungsfreiheit vielen suspekt, und nicht jeder Nutzer gibt gerne zu, dort Beiträge zu verfassen oder auch nur die Seite zu lesen. Der Erfolg von Densha Otoko rückte sowohl 2ch wie auch die Otaku, die die Seite ebenfalls als Informationsplattform nutzen, in ein positiveres Licht und machte sogar das Wort Moe salonfähig, mit dem männliche und weibliche Otaku ihre Gefühle für Comicfiguren ausdrücken.

Otaku lastet das Stigma an, sozial nicht kompetent und im schlimmsten Fall pädophil zu sein. Der Film gesteht soziale Unbeholfenheit zu, räumt aber den Pädophilie-Vorwurf aus. In einer Szene ist ein junges Mädchen im Zug eingenickt und lehnt ihren Kopf an die Schulter des Densha Otokos, was ihm sichtlich unangenehm ist. Er versucht eine am Boden liegende Fahrkarte, die anscheinend dem Mädchen gehört, aufzuheben und ihr zu geben, ohne sie dabei aufzuwecken. Diese Szene spielt auf den ewigen stillen Verdacht an, mit dem sich Otaku konfrontiert sehen, der sich aber nicht bestätigt. Und wie selbstverständlich verwendet einer der Militär-Otaku das Wort Moe, das meist für unbedrohliche kleine Mädchen (oder auch androgyne Jungen) aus Zeichentrickfilmen reserviert ist, um seine Begeisterung für die erwachsene Hermes auszudrücken. Moe wurde daraufhin zu einem regelrechten Modewort und für alle möglichen Dinge benutzt.

Nach seiner japanischen Kinoaufführung am 04.06.2005 wurde der Film auch auf internationalen Festivals wie der 2006 englisch untertitelt gezeigt. Eine japanische DVD kam am 09.12.2005 auf den Markt, die US-Fassung Train Man erschien ein Jahr später am 22.09.2006. Die verschiedenen Densha Otoko-Comics wurden teilweise ebenfalls unter dem Titel Train Man ins Englische und Deutsche übersetzt, ebenso wie das Buch, in dem die originalen Internetbeiträge gesammelt sind.

Shiki-jitsu

Freitag, 15. August, 2008

Shiki-jitsu, auf Deutsch Festtag, ist nach Love & Pop s zweiter Realfilm. ANNO wurde bekannt als Regisseur von Zeichentrickserien wie Gunbuster oder Neon Genesis Evangelion, drehte dann einige Realfilme, um dann wieder zum Animationsfilm zurückzukehren. Im Moment arbeitet er an einem Remake von Neon Genesis Evangelion fürs Kino.

Shiki-jitsu handelt von einem namenlosen Regisseur, der eine namenlose Frau trifft. Sie werden jeweils nur Kantoku (Regisseur) und Kanojō (Freundin) genannt. Die Figur des Regisseurs basiert offensichtlich auf ANNO selbst: er ist ein ehemaliger Regisseur von Zeichentrickfilmen, der gerne einen Realfilm drehen will. Gespielt wird der Regisseur von , der im echten Leben ebenfalls ein Regisseur ist und Filme wie Picnic oder Swallowtail Butterfly gedreht hat.

Der Regisseur trifft also eines Tages eine, auf einem (stillgelegten?) Gleis liegende, seltsam geschminkte Frau mit einem Regenschirm. Sie fragt ihn, ob er weiß, was morgen für ein Tag ist. Er verneint. Sie antwortet: Morgen ist mein Geburtstag. Am nächsten Tag kommt der Regisseur wieder und hat ein Geschenk dabei. Doch die Frau wirft es weg und sagt, nein, mein Geburtstag ist erst morgen.

Diese Frage nach ihrem Geburtstag ist wie ein Ritual für die Frau. Tagtäglich fragt sie ihn, ob er weiß, was morgen für ein Tag ist. Schnell gewöhnt sich der Regisseur an dieses Spiel und antwortet jedes Mal: Morgen ist doch dein Geburtstag. Der Geburtstag der Frau ist der Festtag aus dem Titel, doch dieser Festtag kommt nie. Er liegt ewig im Morgen, ohne jemals erreicht zu werden.

Der Regisseur zieht schließlich bei der Frau ein, in einem riesigen Gebäude. Und entscheidet sich, über sie einen Film zu drehen. Er ist fasziniert von der Frau, die in ihrer ganz eigenen Welt lebt und wenig Bezug zur Realität hat. Sie erinnert ihn an seine eigene Arbeit, bei der er auch Fantasiewelten erschafft. Der Film erstreckt sich über eine festgelegte Zahl von Tagen, die im Film durch den Szenen vorangestellte Titel heruntergezählt werden. Im Laufe dieser Zeit verliebt er sich in die ziemlich eifersüchtige Frau und hilft ihr, den Draht zur Realität wiederzufinden. Ein Kernproblem ist dabei ihre Beziehung zu ihrer Mutter.

Der Film ist im Westen leider noch nicht erschienen, aber die japanische DVD enthält englische Untertitel, ist also sehr zugänglich. Da der Film schon älter ist, von 2000 nämlich, ist er recht günstig gebraucht erhältlich.

Bei Wikipedia habe ich außerdem erfahren, dass die Darstellerin der Frau, FUJITANI Ayako, auch die Buchvorlage zum Film geschrieben hat. FUJITANI ist die Tochter von Steven Seagal und verarbeitet in Tōhimu (Fluchttraum) einen Abschnitt ihres Lebens, in dem sie in Los Angeles bei einem Film ihres Vaters (The Patriot) mitgespielt hat.

Nippon Connection 2008

Samstag, 12. April, 2008

Letzte Woche, vom 02.04. bis zum 06.04., fand das 8. japanische Filmfestival in Frankfurt statt. Ich war schon auf der 1. 2000 und seitdem fast jedes Jahr in Frankfurt. Auch dieses Jahr wurden wieder zahlreiche Filme gezeigt. Hier ein kleiner Überblick über die, die ich gesehen habe.

Sowohl der Eröffnungsfilm, Asyl – Park and Love Hotel (2007), wie auch der Abschlussfilm, The Mourning Forest (Mogari no mori, 2007), waren preisgekrönt: ersterer hat auf der Berlinale 2007 den Preis für das beste Erstlingswerk erhalten, letzterer wurde mit dem großen Preis der Jury in Cannes ausgezeichnet. Ich fand beide Filme aber eher langweilig. Anspruchsvolles, aber wenig unterhaltsames Kino.

Ebenfalls am ersten Tag, Mittwoch, dem 2.4. lief Twilight Phantom (Agōkurō, 2007), anscheinend der erste Horrofilm, der auf Okinawa gedreht wurde. Er entschädigte ein wenig für den langweiligen Asyl, gehörte aber insgesamt auch eher zu den schwächeren Filmen.

Besser wurde es dann am Donnerstag. Sisterhood (Chikyū de tatta futari, 2007) konnte ich leider nicht sehen, weil ich arbeiten musste. Fine, Totally Fine (Zenzen daijōbu, 2007) ist eine herrlich skurrile Komödie, die zurecht den Publikumspreis gewann. United Red Army (Jitsuroku: Rengō sekigun – Asama sansō e no michi, 2007) war ein über dreistündiger Gewaltmarsch. Er erzählt die Geschichte der japanischen roten Armee. Zwar von einem linken Regisseur, der die meisten der Akteuere sogar persönlich kannte, nähert sich der Film dem Thema sehr kritisch. So wird die Grausamkeit der Ideologie der roten Armee aufgezeigt, die sich vor allem im Umgang mit ihren eigenen Mitgliedern zeigte. So waren die Reihen der roten Armee schon sehr dezimiert, bevor es überhaupt zu ernsthaften Auseinandersetzungen mit der Obrigkeit kam. Als letztes lief noch Love My Life (2007), den ich leider nicht sehen konnte, weil es sonst zu spät geworden wäre.

Am Freitag liefen 5 Filme. Den Auftakt machte A Bao A Qu (2007), ein Film über einen Autor, der ein Buch über den jüngeren Bruder eines Serienmörders schreibt. Dann beginnen Realität und Fiktion sich zu vermischen. Ein seltsamer Film, aber nicht im guten Sinne. Als nächstes lief Foreign Duck, the Native Duck and God in a Coin Locker (Ahiru to kamo to koinrokkā, 2007), den ich aber leider nicht sehen konnte, weil ich zurück zur Arbeit musste. Er war zweiter in der Gunst des Publikums. Wieder sehen konnte ich A Gentle Breeze in the Village (Tennen kokekkō, 2007) ein wunderschöner Film nach einem Shōjo Manga (Comic für Mädchen), der dritter in der Gunst des Publikums war. Dainipponjin (2007) war leider bereits ausverkauft. Zum Abschluss des Tages lief The Tender Throbbing Twilight (Tasogare/Ikutsu ni natte mo yaritai otoko to onna, 2007), ein sogenannter Pinkfilm, d. h. ein Sexfilm, über ein Pärchen im Seniorenalter. Sehr witzig, besonders die Szenen, in denen die 65-jährigen Darsteller in Erinnerungssequenzen ihre Figuren im Teenageralter darstellen.

Der Samstag begann mit einem 3D-animierten Film, Appleseed: Ex Machina (2007). Ein gelungener -Film, mit einer etwas klischeehaften Story. Nada Sou Sou – Tears for You (2007) war ein rührseliges Melodram. Mit Funuke Show Some Love, You Losers! (Funuke domo, kanashimi no ai o misero, 2007) folgte eine äußert gelungene schwarze Komödie. Three For the Road (Yajikita dōchū teresuko, 2007) ist eine Komödie, die in der Zeit der Samurai spielt, in der Samurai aber kaum eine Rolle spielen. Stattdessen sind eine Prostituierte, ein Schauspieler und ein Witwer die Helden der Geschichte. Hat seine Momente, kann aber nicht über die gesamte Länge des Filmes überzeugen. Der letzte Film des Tages war ein Anime namens 5 Centimeters per Second (Byōsoku 5 centimeter, 2007). Eine Liebesgeschichte, die sich über Jahre erstreckt. Leider ziemlich langweilig.

Kommen wir zum letzten Tag. The Night Time Picnic (Yoru no pikunikku, 2007), ist ein Film über einen 24-stündigen 80 Kilometer Marsch, der an einer Schule jährlich durchgeführt wird. Im Rahmen dieses Marsches werden unterhaltsam die menschlichen Beziehungen der Teilnehmer dargestellt. Yasukuni (2007) ist eine Dokumentation über den gleichnamigen japanischen Schrein, in dem die gefallenen japanischen Soldaten des 2. Weltkrieges als Helden verehrt werden, inklusive der Kriegsverbrecher. Der Film wird in Japan überhaupt nicht gezeigt. Dog in a Sidecar (Saidokā ni inu, 2007) schildert die Kindheitserinnerungen einer Frau, deren Mutter ihre Familie verlassen hat. An ihre Stelle tritt die Haushälterin Yōko. Ein wunderschöner, atmosphärischer Film.

Aoi Haru / Blue Spring

Sonntag, 10. Februar, 2008

Aoi Haru (zu deutsch: Blauer Frühling) ist eine Sammlung von Kurzgeschichten vom japanischen Comiczeichner über sogenannte , halbstarke Tunichtgute, die sich gerne prügeln. Der Titel des Comics ist ein Wortspiel: das japanische Wort für Jugend setzt sich nämlich zusammen aus den sino-japanischen Zeichen für Blau und Frühling. Warum aber Blau und nicht Grün? Des Rätsels Lösung: das japanische Wort für Blau schließt den Farbton Grün mit ein.

Aufmerksam wurde ich auf diesen Comic über die Verfilmung von , die 2002 unter dem Titel Blue Spring auf der gezeigt wurde. TOYODA verbindet Motive und Figuren einiger der Kurzgeschichten und erzählt so eine Geschichte in Spielfilmlänge. Ebenfalls unter dem Titel Blue Spring ist die englische Übersetzung von Aoi Haru erschienen.

Das Hauptmotiv und die Protagonisten des Films sind der ersten Kurzgeschichte entnommen, Shiawase nara te wo tatakō (auf deutsch: Wenn du glücklich bist, klatsch in die Hände). KUJŌ und AOKI sind Freunde und regieren über ihre Schule. Dieses Recht erlangen sie durch eine ziemlich gefährliche Mutprobe: Sie halten sich an der Außenseite eines Geländers auf dem Dach der Schule fest, lassen los, klatschen so oft wie möglich in die Hände, bevor sie wieder nach dem Geländer greifen, um nicht herunterzustürzen.

Die anderen Kurzgeschichten handeln von zufällig gefundenen Revolvern, Mahjong, Baseball, Yakuza, die die jugendlichen Furyō anwerben wollen, Messerstechereien, Randale im Family-Restaurant und einer Hetzjagd. Sex und Masturbation sind außerdem Motive, die in den Kurzgeschichten immer wiederkehren. Diese fehlen im Film aber völlig, stattdessen wird ausgiebig die Gewalttätigkeit der Furyō dargestellt, ein Element, das wiederum im Comic nicht ganz so stark ist.

Gespielt werden KUJŌ und AOKI von und ARAI Hirofumi. Der Film wurde 2001 gedreht und ist in Amerika auf DVD erschienen. Der Comic wurde bereits 1993 veröffentlicht, die englische Übersetzung erst 2004. Beide sind sehr empfehlenswert, wenn man sich für japanische Jugendkultur bzw. ihre sozialen Außenseiter interessiert.