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Artikel mit dem Stichwort ‘NC2010’

NC2010 Impressionen: Chocolate Underground

Montag, 19. April, 2010

Dieser Film ist höchstwahrscheinlich der optisch unspekakulärste Anime, der je auf der Nippon Connection gezeigt wurde; dafür ist die Optik aber zuckersüß und der Plot sicher eine der mächtigsten Parodien, die ich in meinem Leben das Vergnügen hatte, sehen zu dürfen. Den Spieß umdrehen (gyakuten) ist eines der großen Themen der jüngeren Otaku-Literatur und Chocolate Underground gelingt dies überaus gut. Stellt sich nur noch die Frage, wie man mehr der Leute, an die sich die Aussage des Films richtet, zum Ansehen dieses köstlichen Zeichentrickfilms bewegen könnte.

NC2010 Impressionen: No More Cry!!!

Montag, 19. April, 2010

Einer der längeren und gleichzeitig erzählerisch dichtesten Filme dieses Jahr war No More Cry!!! (Naku mon ka), der ein wenig wie die (Tragik-)Komödienversion des 2008 gezeigten reinen Rührstücks Nada sō sō anmutete. Der Vergleich macht deutlich, dass traurige Momente so viel effektiver wirken, wenn sie einen Kontrast bilden können zu einer andersgearteten, in diesem Falle komischen, Grundstimmung.

Nicht nur inhaltlich steht der Film mit den Figuren des fiktiven Comikerduos Kinjo Brothers der Fernsehunterhaltung nahe, er demonstriert eindrucksvoll das erzählerische Potential der modernen Melodramform der Seifenoper, das im Ergebnis eine komplexe Narrative mit zahlreichen Storyfäden und Bedeutungsebenen ermöglicht. Mit Humor räumt er außerdem festgefahrene Vorstellungen beiseite und versucht zumindest, den Zuschauer zu neuem Denken zu ermutigen.

NC2010 Impressionen: Zero Focus

Montag, 19. April, 2010

Zero Focus (Zero no shōten), die Verfilmung eines Romans von einem der großen Nachkriegskrimiautoren Japans, MATSUMOTO Seichō, spielt in den späten 50er Jahren, in denen eine frischgebackene Ehefrau, Teiko, vor dem Hintergrund der erste Erfolge feiernden Frauenbewegung, dem Verschwinden ihres Mannes nachgeht. Der Film lief direkt im Anschluss an Kaiji, und der Kontrast zwischen dessen simpler Weltanschauung und Zero Focus‚ differenziertem Porträt des frühen Nachkriegsjapan hätte nicht größer sein können.

Teikos Ermittlungen können zwar ihren toten Mann nicht zurückbringen, wohl aber weiteren Menschen den Tod. Um seine Spuren zu verwischen, muss der Täter immer mehr Menschen aus dem Weg schaffen, eben die einheimischen Helfer bei Teikos Ermittlungen. Einen der wichtigsten Hinweise auf den Täter liefert Teiko selbst mit einer entlarvenden Beobachtung schon früh im Film, doch irgendwie deckt sie nur die traurigen Umstände eines sinnlosen Mordes auf, der sich durch die Ermittlungen zu einer immer weitere Kreise ziehenden Serie entwickelt. Das führt dazu, dass meine Sympathien am Ende eher beim Täter lagen, als bei der Ermittlerin Teiko, für deren selbstsüchtige Aufklärung einem irgendwann das Verständnis ausgeht.

Zero Focus ist ein moderner Krimi, der auf simple Gut-Böse-Darstellung verzichtet und sich stattdessen mit den Ursachen und den Umständen des Verbrechens auseinandersetzt. Als wahrer Verbrecher entlarvt sich schließlich die Gesellschaft mit ihren konservativen Denkmustern.

Wer den Film gesehen hat, interessiert sich vielleicht dafür, dass ein ähnliches Thema auch schon in Injū von EDOGAWA Ranpo, einem Pionier des japanischen Detektivromans und damit Vorläufer MATSUMOTO Seichōs, bearbeitet wurde, das von den erzählerischen Methoden zwar eher mit Kaiji zu vergleichen ist, aber überraschend ähnliche Konstellationen wie Zero Focus aufweist.

NC2010 Impressionen: L vs. Light Rematch

Montag, 19. April, 2010

Die beiden Hauptdarsteller der „Death Note“-Verfilmung, MATSUYAMA Ken’ichi (L) und FUJIWARA Tatsuya (Light) hatten beide jeweils einen neuen Film mit sich in der Hauptrolle bei der diesjährigen Nippon Connection am Start. Letztes Jahr hatte MATSUYAMA leichtes Spiel mit der Comicverfilmung Detroit Metal City, da diese einfach zu gut war und FUJIWARA ihm auch ohne Kontra das Feld überließ. Dieses Jahr sieht die Sache schon anders aus: MATSUYAMA spielt einen etwas „anderen“ jungen Mann in Bare Essence of Life („japanischer“ Titel: Ultra Miracle Love Story) und FUJIWARA einen vom Schicksal geplagten Loser-Typen in Kaiji – Jinsei gyakuten game.

Um es kurz zu machen: MATSUYAMAs neuem Film fehlt es an einer zielführenden narrativen Linie und er wird von FUJIWARAs neuem Film gnadenlos im Staub zurückgelassen. Dieser knüpft nicht nur durch den Hauptdarsteller an Death Note an, er ist ebenfalls eine Comicverfilmung und bedient sich ähnlicher Shōnen-Manga-Erzähltechniken wie die „Death Note“-Filme, inklusive der allseits beliebten unvorhersehbaren Wendungen. Tatsächlich ist er noch shōnen-artiger als DN, obwohl der Titel der Zeitschrift, in der die Vorlage erschienen ist (Young Magazine), eher einen Comic für junge Erwachsene vermuten lässt. Ist aber nicht schlimm, DN war auch sehr düster für einen Shōnen-Manga, da kann auch ein Seinen-Manga im Vergleich kindischer rüberkommen.

FUJIWARAs Figur Kaiji, dessen Name ich mal frech als Variation der bekannten Kaijū (wundersame Monster), zu denen z. B. Godzilla gehören, aber auch die Gegner aus japanischen Superheldengeschichten wie Ultraman oder diversen Sentai/Ranger-Serien, bei dem das Monster (jū) durch Kind (ji) ersetzt wurde. Quasi die niedliche Pokémon-Version des zerstörerischen Monster-Godzilla-Lights. Ein Loser, der den Spieß in einem wahnwitzigen Spiel umdreht (jinsei gyakuten game).

Das übertriebene Shōnen-Manga-Pathos ist herrlich bescheuert und die Satire trotz der naiven Metaphern durchaus treffsicher. Also klarer Sieg für FUJIWARA. MATSUYAMA muss aber nicht traurig sein, da er in Kaiji auch in einer Nebenrolle auftritt (was ich allerdings erst im Abspann bemerkt hatte, lol).

Eigentlich wollte ich diesen Artikel brandaktuell vom Festival aus mit dem Blackberry veröffentlichen, hatte mir auch schon vor dem Ende des Films überlegt, wie der Artikel hätte aussehen sollen, aber dann hatte ich weder in der ersten Pause noch der zweiten die Zeit dazu gefunden und es schließlich auf später verschoben. Über einen Tag später, also reichlich spät für einen brandaktuellen Artikel, aber zumindest ist der Inhalt weitestgehend mit dem gestern geplanten Artikel identisch.

NC2010 Impressionen: Oblivion Island

Sonntag, 18. April, 2010

In Spiegeln wohnen Götter, heißt es an einer Stelle in Oblivion Island: Haruka and the Magic Mirror (Hottarake no shima: Haruka to mahō no kagami). Wer einmal in einen Spiegel gesehen, weiß natürlich genau, wer tatsächlich in Spiegeln wohnt. So gesehen symbolisieren Spiegel in SATŌ Shinsukes Computeranimationsfilm die schöpferische Kraft des Menschen, der mit den verschiedensten Mitteln Abbilder seines Selbst erschaffen kann. Computeranimation ist nach handgefertigten Bildern, Sprache, Fotos, Film und älteren Animationsformen nur die neueste Variante dieses Prinzips.

OI: HatMM erzählt eine wohlbekannte Geschichte: ein Mädchen, das aus dem Alltag in eine fantastische Welt reist, mit Motiven wie Traum vom Fliegen, Nostalgie, Furcht vor dem Fremden, Außenseiter, der sich behaupten muss, Freundschaft, Verrat, größenwahnsinniger Herrscher. Das macht den Film aber eben nicht unoriginell, der erzählerische Einfallsreichtum und die auch visuell überwältigende Umsetzung beweisen einmal mehr, dass Computeranimation nicht steril sein muss, sondern alten Motiven neues Leben einhauchen kann.

Letzten Endes ist es gerade die Universalität der Geschichte, die auf Erinnerungen an Erlebnisse beruht, die in ihren Grundzügen eigentlich von fast allen Menschen geteilt werden, die der Handlung ihre Kraft gibt und auch das zentrale Thema des Films darstellt: Die Spiegel sind Spiegel der Erinnerungen der Menschen, die, wenn sich die Menschen nicht mehr an sie erinnern, von den fuchsartigen Bewohnern der fantastischen künstlichen Computerwelt gestohlen werden können und die der Baron der Füchse nutzen möchte, nicht nur seine eigene Welt zu beherrschen, sondern auch die der Menschen, derer verlorenen Erinnerungen er sich bedient.

Indem Haruka den Spiegel (ihrer Kindheitserinnerungen), den ihr ihre verstorbene Mutter geschenkt hat (so wie die Sonnengöttin Amaterasu in der japanischen Mythologie den Spiegel Yata-no-kagami ihrem Enkel anvertraute), zurückholt, wird sie wieder Herrin ihrer Welt, die das Ergebnis erinnerter Vergangenheit ist. Erst dann kehrt sie aus der fantastischen Ideenwelt des Bilderbuchs, aus dem ihr ihre Mutter vor ihrem Tod vorgelesen und das sich als Computeranimation verselbständigt hat, zurück. Der Tod der Mutter ist in japanischer Literatur eine immer wiederkehrende Metapher für das Ende der Kindheit.

NC2010 Impressionen: The Blood of Rebirth

Samstag, 17. April, 2010

TOYODA Toshiakis Karriere und die Geschichte der Nippon Connection sind zeitlich eng miteinander verbunden, das Festival hat in von Anfang seiner Karriere an in Deutschland bekannt gemacht und ihn begleitet, (fast) alle seine Filme wurden in Frankfurt auf dem Festival gezeigt (mit Ausnahme von Unchain). The Blood of Rebirth (Yomigaeri no chi), sein erster Film nach vier Jahren Regiepause, bricht mit vielen Aspekten, die man aus seinen anderen Filmen gewohnt war (wie z. B. den für gewöhnlich kontemporären Settings mit hohem Realitätsbezug), nicht aber mit der gekonnten Verquickung von Musik und visueller Inszenierung, die diesmal im Vordergrund steht.

Mit 82 Minuten ist der Film ungewöhnlich kurz, aber trotzdem sehr gemächlich im Erzähltempo, was zu einer verhältnismäßig niedrigen Handlungsdichte führt. Der Film konzentriert sich ganz auf die Symbolkraft seiner stark in Szene gesetzten Bilder, die sich fantastisch ergänzen mit der Musik, die dieses Mal genauso wichtig ist wie die Bilder selbst. TOYODA ist, wie er vor und nach der Filmvorführung im Q&A-Gespräch erklärte, VJ von Twin Tail, der Gruppe die den Soundtrack zum Film liefert, der quasi eine Fortführung seiner Arbeit mit der Gruppe ist, mit der er während seiner Regiepause lange Zeit zusammen getourt war.

Das Setting ist eine nicht genau eingrenzbare japanische mittelalterliche Fantasy-Welt1 Grob in der Muromachi-Zeit angesiedelt., die Themen sind Entscheidung für die Hölle Leben und gegen das Paradies Tod, wiederholte Wiedergeburt, gegenseitiges Helfen, Flucht, Freiheit, Konfrontation. Durch die reduzierte Handlung stehen die Motive sehr isoliert und sind klar auszumachen, es ist schon etwas eine Light-Version eines TOYODA-Films, aber nach vier Jahren Pause trotzdem mehr als willkommen. Als Musikfilm weiß er definitiv zu überzeugen, es passt ins Konzept, die audiovisuelle Komponente vor den erzählerischen Anspruch zu stellen.

  1. Grob in der Muromachi-Zeit angesiedelt. []

NC2010 Impressionen: Miyoko

Samstag, 17. April, 2010

Miyoko Asagaya Kibun ist ein biographischer Film, der auf dem gleichnamigen Comic aus den 70ern basiert, über den japanischen Comiczeichner ABE Shin’ichi und mehr noch über seine Lebensgefährtin, die Miyoko aus dem Titel, die Modell und Hauptfigur seiner ebenfalls biographischen Comics war. ABE ist ein Vertreter der sogenannten Gekiga, was dramatische Bilder bedeutet und ein erwachsener Gegenentwurf zu den eher für Kinder geschriebenen früheren Manga, was man mit spielerische Bilder übersetzen kann. Gekiga waren ab den 60ern einer der großen neuen Trends im Comicmedium1 Neben dem durch das Aufkommen von erstmals weiblichen Zeichnerinnen vitalisierten Shōjo-Manga. und bereicherten es um Themen und Ausdrucksmöglichkeiten, die der heutige Manga-Leser wohl als selbstverständlich ansieht.

Klassische Gekiga wurden kaum übersetzt, dieser Film bietet für westliche Zuschauer daher einen seltenen Einblick in einen Teil der japanischen Comicgeschichte, der sonst nur aus Fachliteratur wie der von Schodt oder Kinsella zu beziehen ist. ABE ist nun nicht unbedingt der bekannteste Gekiga-Vertreter und in seiner Betonung von zwei Aspekten der Gekiga, dem naturalistisch-biographischen literarischen Ansatz und der Darstellung von Sexualität, vielleicht nicht ideal, um dem Gekiga-Neuling diese Comicautoren-Szene in all ihren Facetten nahezubringen, aber der Teileindruck vom Genre, den der Film vermittelt, ist durchaus nicht irreführend. Behält man im Hinterkopf, dass andere Zeichner sich in ihren Themen weniger auf Sex als auf soziale Umstände konzentriert hatten, sind die gezeigten Szenen alles andere als untypisch oder irreführend.

ABE ist, wie er im Film gegenüber seinem Redakteur selbst zugibt, kein wirklich guter Zeichner und fotografiert seine Freundin Miyoko daher in den gewünschten Posen, die er zum (Ab-)Zeichnen seiner Comicgeschichten braucht. ABEs und Miyokos Beziehung, wie sie auch in den Comics zum Ausdruck kommt, ist von einer regelrechten gegenseitigen Empathie geprägt, die bis hin zur Verschmelzung ihrer Gedankenwelt geht. Damit ist er trotz der Sonderrolle, die er innerhalb der Gekiga einnimmt, doch ein wegweisender Vertreter des Mediums Comic und seine Person hat sicher auch viele Vorstellungen geprägt über Manga als eine Ausdrucksform, die mit zeichnerischen Mitteln vorübergehenden Geschlechtswandel ermöglicht.

Beziehung zwischen Mann und Frau, surrealistische Verarbeitung der eigenen Lebenswelt, Miyoko erinnerte mich in einigen Szenen nicht von ungefähr an Nejishiki (Schraubenartig), eine Verfilmung der gleichnamigen Kurzgeschichte von Gekiga-Altmeister TSUGE Yoshiharu. Diese Kurzgeschichte ist mit ungefähr 50 Seiten eigentlich viel zu kurz, um für einen abendfüllenden Spielfilm dienen zu können, der Film zeigt demenstprechend auch erst über eine Stunde lang das Leben des Autors, wobei ebenfalls seine Beziehung zu Frauen thematisiert wird, bevor die Handlung des Comics als eine Art Fiebertraum TSUGEs am Ende beginnt. Nejishiki ist nicht so offensichtlich biographisch wie ABEs Comics, aber in der Verfilmung wird auch aus Nejishiki eine klar biographische Geschichte. Die Kernhandlung, wie sie sich im Comic findet, stellt einen Abnabelungsprozess in surreal symbolischen Bildern dar. ABEs Miyoko Asagaya Kibun geht den umgekehrten Weg und sucht die vollständige Einheit mit seiner Protagonistin.

ABEs Kollegen bei der Zeitschrift Garo, in der er veröffentlicht und die bis heute eine der wichtigsten Plattformen für anspruchsvolle Comics in Japan darstellt, wirken im Film teilweise sehr prätentiös und sogar infantil, was dem Anspruch ihrer Comics zu widersprechen scheint, doch deckt sich diese Darstellung mit Szenen aus biographischen Kurzgeschichten von UCHIDA Shungicu, die in den 80/90ern einige ihrer Kollegen bei der Garo ebenfalls schonungslos als exzentrische Kindsköpfe darstellte. Das macht eben auch den Naturalismus des Genres aus.

http://www.nipponconnection.de/
  1. Neben dem durch das Aufkommen von erstmals weiblichen Zeichnerinnen vitalisierten Shōjo-Manga. []

NC2010 Impressionen: Crows Zero II

Freitag, 16. April, 2010

Ich hatte schon lange keinen Film von MIIKE Takashi mehr gesehen, seine zahlreichen Manga-Adaptionen1 Natürlich basieren nicht alle seine Filme auf Comics, aber sehr viele von ihnen. aber immer geschätzt, auch wenn ich nur selten die Vorlage oder auch nur den Autor der jeweiligen Vorlage vorher kannte. Crows von TAKAHASHI Hiroshi über jugendliche Schläger (sogenannte Furyō), die (nicht nur) auf dem Schulhof Krieg spielen, macht da (trotz seines Status als eine der Genrereferenzen dieser Sorte von Manga) keine Ausnahme. Anders als Ichi the Killer oder Fudō ist Crows eine Vorlage für ein eher junges Publikum und erscheint in einer der großen Shōnen-Manga-Zeitschriften, der Shōnen Champion, was für westliche Zuschauer vielleicht nur schwer zu glauben sein mag. Auch wenn Shōnen-Manga eine altertechnisch weit gefächerte Leserschaft haben, die Kernzielgruppe liegt bei Crows zwischen 12 und 15 Jahren.

Auch der zweite Teil der Kino-Adaption dieser Comic-Serie ist wie von MIIKE gewohnt gekonnt umgesetzt. Mein Lieblingsfilm zum Thema Furyō, Blue Spring, von TOYODA Toshiaki, stellt die Gewalt dieser Jugendlichen eher realistisch dar, also sinnlos und letzten Endes abstoßend. Entgegen dieser kritischen Auseinandersetzung ist Crows Zero II ein cooler Action-Film, der die Gewalt geradezu zelebriert, aber nicht verherrlicht, dafür aber die Werte, die diese Manga vermitteln. Crows ist im wahrsten Sinne Dragon Ball auf dem Schulhof, weswegen man Yūyū Hakusho von TOGASHI Yoshihiro, meinen Lieblings-Furyō-Manga (wenn man ihn denn so nennen will), schon als Brücke zwischen echten Furyō-Manga wie Crows und Battle-Manga á la Dragon Ball ansehen kann.

Es mag widersprüchlich erscheinen, dass ich einerseits den kritischen Blue Spring (gerade wegen der Kritik) so schätze, aber anderseits so viel Spaß beim Sehen von Crows Zero II hatte. Das moderne Kriegsszenario mitten im „pazifistischen“ Japan, die exzessive Gewalt, und noch dazu alles als Unterhaltungsfilm, das ist genau das, was TOYODA z. B. auch in Pornostar kritisiert. Aber letzten Endes zählt nicht nur, was man sagt, sondern auch, wie man es sagt, und MIIKE steht TOYODA in Punkto Regievirtuosität in nichts nach. Die vermittelten Werte wie Ehre, Loyalität und Achtung vor dem Leben (!) verleihen dem Film Charme, auch wenn man zugeben muss, dass TOYODAs Film der Realität doch sehr viel näher kommen dürfte. Allerdings nimmt Crows Zero II sich auch nicht zu ernst und ist in seiner Überzeichnung und in seinem Humor zumindest für erwachsene Zuschauer ein unbedenklicher Action-Spaß. Mir zumindest hat er sehr gut gefallen.

  1. Natürlich basieren nicht alle seine Filme auf Comics, aber sehr viele von ihnen. []

NC2010 Impressionen: Kakera

Freitag, 16. April, 2010

Anders als letztes Jahr werde ich mir nicht den Stress geben und über alle Filme schreiben, die ich auf der diesjährigen Nippon Connection ansehe. Stattdessen werde ich mir einzelne Filme (und eventuell auch Themen) herauspicken und zu diesen kompaktere Posts schreiben. Wie letztes Jahr schon sind Niveau wie Bandbreite auch diesmal wieder ziemlich hoch, es hat wohl mit meiner persönlichen Präferenz (und Kompetenz) zu tun, dass ich mir dazu aus den gestrigen Vorstellungen die Manga-Verfilmungen herauspicken möchte.

Wie ich erst im Abspann gemerkt habe, basiert ANDŌ Momokos Regie-Debüt Kakera – A Piece of Our Life auf dem Manga Love Vibes von SAKURAZAWA Erica, einer der Comicautorinnen in Japan, die die üblichen Shōjo-Manga-Kategorien überwinden und eine erwachsene Leserschaft jenseits geschlechtsspezifischen Zielgruppeneinteilungen erreichen konnte. Allerdings basiert der Film nur sehr lose auf der Vorlage von 1996 und ANDŌ hat eher einzelne Textzeilen entlehnt als versucht, die Geschichte originalgetreu umzusetzen, ein Ansatz, der von SAKURAZAWA aber durchaus begrüßt wird (japanischer Interview-Link). Das heißt Akteure und Handlung dieser wunderschönen lesbischen Liebesgeschichte sind offenbar weitestgehend neu (ohne die Vorlage gelesen zu haben) und, wie ANDŌ ebenfalls im Interview erzählt, an die Jetztzeit angepasst.

Kurz zur Story: Die Studentin Haru wird in einem Cafe unerwartet von der Prothesenmodelliererin Riko angesprochen, die keinerlei Scheu hat, ihr Interesse an Haru direkt zu zeigen und auszusprechen. Riko wohnt anders als Haru zwar noch bei ihren Eltern, steht aber schon voll im Berufsleben und lebt ihre sexuelle Orientierung offen aus. Haru hat nach anfänglicher Überraschung wenig Hemmungen, sich auf die neue Beziehung einzulassen, und eher Schwierigkeiten, die alte, wenig erfüllende Beziehung zu ihrem Freund zu beenden und auch in der Öffentlichkeit 100%ig zu Riko zu stehen.

Die Handlung ist so radikal wie glaubwürdig. Beide diese Eigenschaften unterscheiden den Film von der Thematisierung von Homosexualität in der Masse japanischer Comics, in der sie zwar auf breiter Ebene stattfindet (einerseits im sogenannten Boys-Love-Genre über vermeintlich männliche homosexuelle Protagonisten von und für Frauen, anderseits in pseudolesbischen Pornomangas von und für Männer), aber meist eher Symbolcharakter hat als authentische Darstellung des Themas bietet. Ein Grund dafür mag sein, dass ANDŌ wie SAKURAZAWA Homosexualität aus ihrer eigenen weiblichen Perspektive darstellen, aber wichtiger ist wohl doch der Ansatz und der Mut, die Handlung auf fassbarer Realität zu basieren (statt auf möglichst alltagsfernen Settings, um für die Leser unbedrohlich zu bleiben). The River’s Edge von SAKURAZAWAs noch berühmteren Kollegin OKAZAKI Kyōko ist ein Beispiel dafür, wie mit diesem Ansatz auch eine Frau überzeugend (echte) männliche Homosexualität darstellen kann. Die Manga von OKAZAKI und SAKURAZAWA sind Erwachsenenliteratur und ähneln in dieser Hinsicht eher entsprechenden Romanen oder eben Filmen, weswegen ANDŌs Adaption außer der Anpassung an den Wandel des Zeitgeists wohl keine großen Sprünge in der Herangehensweise machen musste.

Weniger offensichtlich als die Thematisierung von Homosexualität ist der aber ebenfalls nicht außer Acht zu lassende Aspekt der Stärke der Protagonistinnen von Kakera. Sie sind im positiven Sinne emanzipiert. Natürlich muss man nicht lesbisch sein, um emanzipiert zu sein, aber gerade deshalb können die Protagonistinnen von Kakera als Vorbilder dafür dienen, den Mut zu finden, eigene Ziele und Wünsche entschlossen zu verwirklichen. Der Feminismus von ANDŌs Kakera, wenn man ihn so nennen will, geht daher weiter als der viel beschworene Feminismus von HAGIO Moto und dem vom ganzen heutigen Boys-Love-Genre. Statt Mädchen zu männlichen Protagonisten zu machen, um ihnen einen Geschmack von einem von weiblichen Rollenklischees (teilweise) befreiten Lebensstil zu vermitteln, wagt ANDŌs Film einen nötigen Schritt mehr.